Winterthur baut vermehrt noble Wohnungen
Winterthur hat genug Familien, die viel kosten und wenig Steuern zahlen. Was fehlt, sind kinderlose Doppelverdiener. Für sie werden derzeit teure Wohnungen gebaut, für gegen eine Million und mehr.
Martin Gmür
Nach einigen Bauboomjahren, die Winterthur vor allem viele günstige Wohnungen in Hegi, Wülflingen und Sennhof brachten, hat der Stadtrat erkannt: Familienhaushalte gibt es eigentlich genug, prozentual sogar mehr als beispielsweise in Zürich. Doch die Familien helfen Winterthur nicht aus der Finanzklemme, weil sie tendenziell weniger Steuern zahlen als Leute ohne oder mit bereits erwachsenen Kindern. Also heisst die offizielle stadträtliche Devise seit bald zwei Jahren: Bessere Steuerzahler müssen her. Doppelverdiener ohne Kinder, gut Ausgebildete ab Ende Vierzig, die «steuerlich interessant sind», wie der Stadtrat in seiner Wohnungsstrategie festhielt. Das bedeutet für die Bauherren: Bitte mehr Wohnungen im mittleren und oberen Preissegment. Die jüngste Ausgabe des Immobilien-Bulletins, das vom Stadtmarketing herausgegeben wird, zeigt: Der Wohnungsmarkt und der stadträtliche Wunsch nähern sich an. Tendenziell werden die Eigentumswohnungen in Winterthur derzeit teurer.
Beispiel eins: Wo heute noch drei herrschaftliche Villen unter dunklen Bäumen stehen – an zentraler, aber nicht gerade ruhiger Lage im Dreieck zwischen Altstadt, Hauptbahnhof und Spital -, sollen bis Mitte 2008 «21 hochwertige Eigentumswohnungen» entstehen. Zweieinhalb Zimmer mit 100 Quadratmetern sind für rund 600’000 Franken zu haben, viereinhalb Zimmer gibts für 735’000 bis 930’000 Franken, und 180 Quadratmeter im Attikageschoss kosten 1,8 bis 2 Millionen Franken. Inbegriffen ist ein Gewerberaum, den zum Beispiel «ein Concierge nutzen könnte». Und dieser, so macht die Ausschreibung schmackhaft, würde dann die Einkäufe erledigen, Pflanzen giessen oder die Wohnung lüften – obschon die Wohnungen eigentlich Komfortlüftung haben.
Stadt zahlt Park, Private werben damit
Beispiel zwei zeigt, wie sich die Investitionen der öffentlichen Hand und privates Bauen ergänzen. Die Halter Immobilien AG, die mit der Stadt im Arch-Areal zusammenspannt, baut in Oberwinterthur grosse Viereinhalbzimmerwohnungen. 815’000 Franken muss hinblättern, wer «in Gehweite von S-Bahn und Bus» wohnen will – plus 60’000 für zwei Tiefgaragenplätze. Dafür wohnt es sich dann «direkt neben dem preisgekrönten 60’000 Quadratmeter grossen Eulachpark» – den sich Winterthur 10 Millionen kosten lässt.
Im dritten Beispiel wird ersichtlich, was gebaut wird auf dem Land, das noch vor kurzem der Stadt gehörte und wo einst die Kunsteisbahn Zelgli stand. Die Lage ist recht zentral und doch absolut ruhig und im Grünen. Zweieinhalb Zimmer sind da ab 480’000 Franken zu haben, grosse fünfeinhalb Zimmer kosten 1,2 Millionen.
Noch haben wir die exklusivsten Angebote nicht gelesen. Deshalb Beispiel vier «an sonnigster Südhanglage mit herrlicher Aussicht am Goldenberg über der Stadt Winterthur». Das hat natürlich seinen Preis: 1,75 Millionen Franken kostet eine Wohnung mit 170 Quadratmetern. Trotz des happigen Preises sind drei von vier der Luxuslogen schon vergeben. Auch die acht 1,5 bis 3 Millionen Franken teuren Reihen-Villen im Oberen Alpgut am sonnigen Goldenberg seien «sehr gut weg», heisst es beim Immobilienvermarkter Walter Wittwer. Käufer und Nutzer seien sowohl Leute von auswärts als auch solche aus der Stadt, Familien ebenso wie Kinderlose.
Dass selbst Wohneigentum im Höchstpreissegment locker verkauft wird, ist ein Indiz dafür, dass der Stadtrat mit seiner Wohnbaupolitik richtig liegt. Der amtliche Stadtentwickler Mark Würth bestätigt diesen Trend zu teureren Wohnungen, schränkt aber ein: «Das sind vielleicht 10 bis 15 Prozent aller neuen Wohnungen.» Aber hat es in Winterthur auch genügend finanzkräftige Interessenten, die sich Wohnungen für eine Million Franken und mehr leisten können? Wenn diese entweder zentral oder sehr schön gelegen seien, würden sie auch gekauft, ist Stadtentwickler Würth überzeugt. «Wenn kein Markt da wäre, würde auch nicht investiert», sagt Maya Gadgil vom Wohnstadtmarketing.
Weniger gute Lagen auch günstiger
Wie Würth andeutet, ist längst nicht alles, was gebaut wird, in der oberen Preiskategorie. Da gibts zum Beispiel in Seen fünfeinhalb Zimmer ab 611’000 Franken, Reiheneinfamilienhäuser in Reutlingen und Wülflingen ab gut 600’000 Franken. Oder Wohnungen direkt am Tössufer in Wülflingen, wo fünfeinhalb Zimmer für 471’000 Franken erhältlich sind. Auch hier werben die Erbauer mit dem Blick ins Grüne, der Ausrichtung nach Süden und dem nahen Erholungsgebiet. Falsch ist das nicht. Bloss schweift bei diesem Preis der Blick von der Terrasse nicht über die Stadt in die fernen Berge, sondern bleibt am Waldhang hängen. Und hinter dem Haus rauscht und brummt die Autobahn.
WINTERTHUR WÄCHST WACKER WEITER
Der Bauboom der letzten Jahre lässt sich statistisch belegen: 2003 wurden in Winterthur 600 neue Wohnungen erstellt, 2004 gar 1000 und 2005 400. Zudem waren Anfang 2006 1244 Wohnungen im Bau, die nun grösstenteils fertig gestellt sind. Weitere 1100 waren bewilligt. Parallel zur Wohnbautätigkeit nahm auch die Bevölkerung zu: von 92’000 im Jahr 2001 auf 97’841 aktuell. Im Internet unter www.einwohnerkontrolle.winterthur.ch läuft ein Zähler mit, der Zu- und Wegzüge laufend summiert. Die Grenze von 100’000 Einwohnenden, die Winterthur in den 70er-Jahren schon einmal anpeilte, dürfte bei diesem Wachstumstempo 2009 erreicht sein.
Tages-Anzeiger, 9.1.2007
