Willkommen im Labor

Alle reden von innerstädtischen Trendquartieren und einer Renaissance der Stadt. Dabei entscheidet sich in der Vorstadt, ob aus Zürich wirklich eine Grossstadt oder ob die Schweiz eine fragmentierte Agglo wird.

Andreas Hofer*
Im Film «Snow White» von Samir lieben sich der urbane Rebell und Rapper Paco und das verwöhnte Töchterchen Nico von der Goldküste auf dem Dach des Fernheizwerks Aubrugg inmitten des Autobahnkreuzes in Zürich Nord. Um ihm die Dekadenz ihrer Familie zu ersparen, gibt Nico vor, die Eltern ihrer besten Freundin, einer Seconda aus einer jugoslawischen Familie in Schwamendingen, seien ihre eigenen. Für Regisseur Samir sind Vorstädte und Autobahnen offenbar die Orte des authentischen Lebens. In der Innenstadt und in den Quartieren der Reichen hingegen herrschen Geld, Drogen und Gleichgültigkeit.
Bei Samirs Vorgänger Kurt Früh lag der Ort der Armen und Guten hinter den sieben Gleisen, wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt, und die Reichen wohnten am Zürichberg. Der zürcherische Heimatfilm hat fünfzig Jahre gebraucht, um die Dimension der Stadt abzubilden. Obwohl die Stadt 1959, als Kurt Früh seinen Film drehte, kurz vor ihrem Bevölkerungshöhepunkt mit fast einer halben Million Menschen stand, zeigte er ein beschauliches Städtchen, in welchem der Bündner Zarli Carigiet das «Exotische» verkörperte. Der damalige Bauboom in den Zürcher Aussenquartieren kommt im Film nicht vor. In Albisrieden, Altstetten, Affoltern und Schwamendingen – Gebiete im Westen und Norden der Stadt, die Mitte der dreissiger Jahre für die Stadterweiterung eingemeindet wurden, wuchs die moderne Grossstadt. Kurt Früh beschrieb das Gewerbe, schräge Vögel und die Grossbourgeoisie, nicht die FabrikarbeiterInnen und den sich abzeichnenden Massenwohlstand. Es liegen Welten zwischen Frühs Kleinstadtidylle und Samirs kalter, von globalen Finanzströmen geformter und genährter Metropole. Und irgendwo dazwischen hat die mentale Eingemeindung der Peripherie stattgefunden. Dieser Weg war nicht nur für die Filmemacher, sondern für die ganze urbane Intelligenz lang und steinig. Die in der Schweiz immer schon schwierige Beziehung zwischen Stadt und Land hat dazu geführt, dass sich gerade Intellektuelle und KünstlerInnen in Zürich in einem städtischen Reduit aus Altstadt und den zentralen ArbeiterInnenquartieren um die Langstrasse festsetzten. Selbst die erste wirklich urbane Revolte, die Achtzigerbewegung, nährte sich von solchen (Selbst-)Beschränkungen. Je mehr Menschen in den Vorstädten lebten, umso stärker wuchsen der Dünkel und die Abgrenzung gegen sie.

Wachsende Gartenstadt
Albert Heinrich Steiner, zwischen 1943 und 1957 Stadtbaumeister von Zürich, gestaltete die Stadterweiterung massgeblich. Steiner verknüpfte die neuen Quartiere mit der Vergangenheit, indem er sie ausgehend von den historischen Dorfkernen entwickelte. Hier, um die Kirchen und ein paar Bauernhäuser, entstanden die Zentren mit Läden, Gemeinschaftseinrichtungen und einzelnen Hochhäusern für Singles und Paare. Von den Zentren strahlen in Grünzüge eingebettete Strassen ins Quartier und erschliessen die Wohngebiete. In parkartigen Ringen liegt die Quartierinfrastruktur: Schulen, Kindergärten und Freizeitzentren. Das Ziel war eine Verschmelzung von städtischem Leben und möglichst viel Grün. In Schwamendingen fand dieses Konzept seine klarste Form. Das Quartier wuchs in dreissig Jahren – von 1945 bis 1975 – bis zum Stadtrand in Hirzenbach; dabei blieben die ursprünglichen städtebaulichen Prinzipien gewahrt, die architektonische Sprache aber veränderte sich. Hochhäuser und Wohnblöcke traten an die Stelle von Reihenhäusern und drei- bis viergeschossigen Wohnzeilen.
Schwamendingen war nie ein schickes Quartier, aber für viele ZuzügerInnen eine pragmatische Option, um zu einer modernen Wohnung mit hoher Lebensqualität und bezahlbarem Preis zu kommen. Den günstigen Mietzins garantierten die Baugenossenschaften. Vierzig Prozent aller Wohnungen in Schwamendingen, doppelt so viele wie im städtischen Durchschnitt, wurden von Genossenschaften gebaut. Die verarmten Kleinbauern, so genannte «Fabrikbauern», die nur mit einem Zusatzverdienst aus der Arbeit in der Industrie von Oerlikon überleben konnten, verkauften nach und nach ihr Land, gaben die Landwirtschaft auf oder erwarben mit dem Erlös neue Höfe im Oberland oder im Thurgau. Im Sunnigen Hof, bei der Vitasana, der Luegisland oder bei der Arbeitersiedlungsgenossenschaft Asig bildete sich das Milieu sozialdemokratischer, rein schweizerischer, familienfreundlicher Ordentlichkeit mit Siedlungsfesten, Belegungsvorschriften und Waschküchenplänen. Zu Beginn der siebziger Jahre erreichte Schwamendingen mit 34 000 Menschen sein Bevölkerungsmaximum. Es war damals ein junges Quartier mit belebten Grünflächen. In den Volksschulen gab es doppelt so viele Kinder wie heute. Als sie grösser wurden, begann der Niedergang der vor allem im benachbarten Oerlikon angesiedelten Industrie, während der Finanzdienstleistungsplatz Zürich boomte. Mit ihm stieg die nächstfolgende Generation auf, machte Karriere und zog in die Einfamilienhausquartiere der Agglomeration. Die Schwamendinger Häuser mit ihrem immer gleichen Wohnungsangebot verloren an Attraktivität. Im Vergleich zu Neubauten waren die Zimmer klein, die Küchen eng und technisch veraltet, Wände und Decken ringhörig, und auch ein Lift fehlte.

Soziale Gräben
Diesen Verlust an Attraktivität erlebten viele Nachkriegssiedlungen der Schweiz. Schwamendingen ist aber mehr als eine Siedlung, das Quartier hat gleich viele EinwohnerInnen wie die Stadt Schaffhausen. Zudem fehlten im Gegensatz zu den innerstädtischen ArbeiterInnenquartieren jüngere BewohnerInnen, die die günstigen Wohnungen als Freiräume entdeckten. Wer jetzt nach Schwamendingen zog, hatte an anderen Orten Mühe, eine Wohnung zu finden: zum Beispiel Familien mit tiefen Einkommen und SozialhilfeempfängerInnen. Während in den siebziger Jahren nur jedes zehnte Kind aus einer nicht-schweizerischen Familie stammte, ist dies mittlerweile jedes zweite. In Schwamendingen taten sich soziale Gräben auf: Überdurchschnittlich vielen älteren SchweizerInnen steht eine Gruppe jüngerer, vorwiegend ausländischer Menschen gegenüber. Schwamendingen ist heute gleichzeitig eines der jüngsten und eines der ältesten Quartiere der Stadt. Schwamendingen wurde zusehends zur A-Stadt: ein Quartier der Alten, der Auszubildenden, der AusländerInnen und der Ausgegrenzten.
In dem Moment, in dem Schwamendingen seine Eindeutigkeit und Langeweile verlor, entstand sein Mythos. Von aussen gesehen war es weiterhin das unzugängliche, von Genossenschaften dominierte Wohnquartier, bieder und alles andere als trendy. Im Innern klammerten sich viele an eine Identität, die am Auseinanderbrechen war. Der Stimmenanteil der SVP nahm bei den Gemeinderatswahlen in den letzten zwanzig Jahren von unter 10 auf über 27 Prozent zu und näherte sich der nach wie vor dominierenden SP. 1996 schuf der Komiker Victor Giaccobo mit der Figur Harry Hasler die Karikatur des bornierten, rassistischen und sexistischen Vorstädters, der mit dem Wandel der Welt nicht zugange kommt. Schwamendingen war sein Heimatort.
Als Ende Oktober 2003 nach jahrelangem Gezänk das Anflugregime auf den Flughafen Kloten geändert und in den Randstunden um 180 Grad gedreht wurde, kam zum Lärm und Dreck der Überlandstrasse und der quer durchs Quartier verlaufenden Autobahn noch die Beschallung von oben. Das war zu viel. BürgerInneninitiativen formierten sich, es hagelte Einsprachen gegen Betriebsreglemente und Entschädigungsforderungen an die Flughafenbetreiberin Unique. Der lautstark geäusserte Protest brachte Schwamendingen landesweit in die Medien. Im Quartier wuchs seither neben dem Widerstand auch der Wille, gemeinsam und über alte Gräben hinweg für die Zukunft zu kämpfen.
Ein erster Erfolg zeichnet sich bei der Autobahn ab. Seit ihrer Eröffnung 1981 wuchs auf dieser wichtigsten Verbindung zwischen dem Autobahnring im Norden und der City der Verkehr auf bis zu täglich 130 000 Fahrzeuge an – eine der meistbefahrenen Strassen der Schweiz. Selbst mit radikalsten Beschränkungen lässt sich dieser Verkehr nicht auf ein quartierverträgliches Mass eindämmen. Es bleibt also nur die Lösung, ihn unter den Boden zu verlegen. Hier ist aber – Produkt einer Vorinvestition für die nie gebaute zürcherische U-Bahn – ein Tunnel im Weg, in dem heute das Tram nach Schwamendingen fährt. Letztes Jahr nun versprach der Bundesrat, sich zur Hälfte an einer so genannten Einhausung, einem oberirdischen Betonkanal um die Strasse, zu beteiligen. Bereits hat auch der Kantonsrat seinen Beitrag einstimmig beschlossen. Nun fehlt nur noch das Ja der Zürcher Bevölkerung, noch in diesem Jahr wird über einen entsprechenden Kredit abgestimmt. Mit Opposition ist kaum zu rechnen.

Erneuerungsprozess
Die Überdeckung der Autobahn auf einem Kilometer Länge, die Begrünung dieses Deckels zum Park und die Einbindung des Bauwerks mit seitlichen Böschungen ins Quartier sollen bis 2012 fertig sein. Aus dem gröbsten Schnitt durch Schwamendingen wird ein grünes Zentrum. Dieses Projekt beschleunigt einen baulichen Erneuerungsprozess, der in den letzten Jahren bereits begonnen hat. Die Baugenossenschaften renovieren ihren Bestand laufend. Die meisten Siedlungen bleiben dabei erhalten. Nur rund ein Viertel der Genossenschaftswohnungen soll in den nächsten fünfzehn Jahren abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden – mit behindertengerechten Wohnungen für ältere Menschen sowie grosszügigen Familienwohnungen für heutige Ansprüche. Da die Genossenschaften auf abgeschriebenem Land und ohne spekulative Absichten bauen, bleiben die Mieten der neuen Wohnungen günstig. Dass das funktioniert, beweist der mächtige Neubau der Siedlung Luegisland der Genossenschaft der Baufreunde, der dieses Jahr bezogen wird. Die meisten der neunzig Wohnungen sind bereits vermietet, mehr als die Hälfte davon an Familien – viele von ihnen ausländischer Herkunft -, die bereits im Quartier wohnen, aber eine grössere Wohnung benötigen. Dazu kommen RentnerInnen, Paare und Familien aus anderen Quartieren oder von ausserhalb der Stadt.
Den Genossenschaften fallen der Abbruch der idyllischen Reihenhäuser und ihr Ersatz durch Geschosswohnungen nicht leicht, und bei einigen Projekten hat sich eine interne Opposition gebildet. Die Balance zwischen Erhaltung und Veränderung zu finden, ist schwierig. Die Strategien der privaten GrundeigentümerInnen schwanken zwischen Devestition, das heisst nichts tun und möglichst teuer vermieten, oder massiver Verdichtung. Eine Verdichtung, welche das Baurecht fast überall zulässt und die zu einem Verlust der grosszügigen Freiräume führen könnte. Doch trotz diesen Schwierigkeiten und Gefahren sind die Perspektiven des Quartiers besser als in den fragmentiert gewachsenen Vorortgürteln um die Städte im Mittelland. Der Stadtteil hat eine – wenn auch raue – Identität, ein starkes städtebauliches Grundgerüst sowie genügend verantwortungsvolle Grundeigentümer – und vor allem den Willen, aus den Generationenwechseln seiner kurzen Geschichte zu lernen: Er will ein Ort für die verschiedenen Schichten und Nationalitäten sein. Dieses Ziel macht Schwamendingen zu einem Labor der «inklusiven Stadt» und zu einem Gegenbild der drohenden räumlichen Aufsplitterung einer Gesellschaft, in der die Gräben zwischen Arm und Reich und den verschiedenen kulturellen Identitäten immer tiefer werden.

* Der Architekt Andreas Hofer ist Vorstandsmitglied des Dachverbandes der zürcherischen Wohnbaugenossenschaften (Schweizerischer Verband für Wohnungswesen SVW Sektion Zürich). Er arbeitet seit drei Jahren zusammen mit den Schwamendinger Wohnbaugenossenschaften am Projekt «pro zürich 12». Ziel dieses Projektes ist es, Strategien für die Sicherung der Wohn- und Lebensqualität sowie Projekte für eine nachhaltige und sozialverträgliche Quartierentwicklung zu entwerfen.

Wochenzeitung Nr. 13, 30.03.2006