Wie die Party zur Schlacht wurde
«Reclaim the Streets» sieht sich als friedliche Protestbewegung gegen die Kommerzialisierung Zürichs: Zu vieles ist den Aktivisten zu teuer. Am Samstag endete ihre Demonstration in massiver Zerstörung. Warum?
Dario Venutti
Die einen waren verkleidet wie an der Street Parade und tanzten zu Technobeats. Sie verkauften Bier für drei und Africola für einen Franken. Andere waren vermummt und trugen Hammer und Schlagstock. Ihr erstes Opfer: die Überwachungskameras am Limmatplatz.
Die einen waren: Gymnasiasten, KV-Angestellte, Arbeitslose, «20 Minuten»- Journalisten, Hausbesetzerinnen. Nach Polizeiangaben 500 Leute, laut Teilnehmern über 1000. Die anderen: Anarchisten, Revolutionäre, Hooligans, Jugendliche aus dem Kreis 4, die Gang «031» aus Bern. Zwischen 50 und 100 aggressive junge Männer.
«Der Anlass begann als Party und endete in Gewalt. Leider wird er jetzt darauf reduziert», sagt Richard Wolff, Stadtsoziologe und Dozent an der Hochschule in Winterthur. Wolff beschäftigt sich beruflich mit der Entwicklung von Städten und interessiert sich für Subkulturen. Am letzten Samstag war er mit seinen beiden Söhnen dabei, als die ungefähr zehnte Veranstaltung unter dem Namen «Reclaim the Streets» in Zürich durchgeführt wurde.
Der coolste Ausgehtipp
Die erste fand 1999 gleichzeitig wie in über 30 europäischen Städten anlässlich des G-7-Gipfels in Köln statt. Die letzte vor gut zwei Monaten. 300 Leute tanzten vergnügt unter der Hardbrücke. Es gab keine Sachbeschädigungen, keine Polizeicommuniqués und deshalb auch keine Medienberichte.
Der grösste Anlass war 2008: die Besetzung des Hardturm-Stadions. Innert wenigen Minuten drangen ein paar Dutzend Leute ins Gelände. Nach einer halben Stunde waren schon Hunderte drin. «Brotäktschen» war an jenem warmen Wochenende im Juli der coolste Ausgehtipp in Zürich: 6000 Menschen vergnügten sich drei Tage lang im Stadion. Die Presse schrieb: «Das war Hausfriedensbruch. Aber es war toll.»
Friedliche Stimmung, günstiges Bier und hübsche Studentinnen
«Shantytown», das Barackendorf an der Sihl bei der Börse, hatte bereits ein Jahr zuvor gezeigt, wie die Sache funktioniert: Ein kleiner Kreis, meistens Leute aus der alternativen Partyszene und Hausbesetzer, plant eine Aktion und kümmert sich um Musik, Getränke, Bühnenbretter. Dann geht alles schnell, für die Polizei zu schnell: Wenige Stunden vor der Aktion wird per SMS mobilisiert. Daraufhin nimmt man das Gelände in Beschlag und baut die Infrastruktur auf: Bars, Bühnen, Informationsstände. Am Tag nach «Shantytown» erzählte ein begeisterter Chefredaktor an einer Redaktionssitzung von der friedlichen Stimmung, günstigem Bier und hübschen Studentinnen.
Seit dem Krawall am letztem Samstag ist die Stimmung allerdings gekippt. Die Polizei will «Reclaim the Streets» in Zukunft nicht mehr dulden, sondern hart durchgreifen. Angesichts des Sachschadens von mehreren Hunderttausend Franken reagiert die Öffentlichkeit mit Abneigung und Unverständnis, nachdem frühere Aktionen noch auf Sympathie stiessen. Und Politiker von links bis rechts schimpfen über die «wohlstandsverwahrloste Jugend». Mit Politik habe das nichts zu tun!
Früher gehörten die Strassen einmal allen
«Wir waren eigentlich gekommen, um Spass zu haben», sagt ein Aktivist, der sonst Student ist. Er und seine Mitstreiter wollten für einige Stunden mit Musik, Tanz und Kostümen die Strassen vom Privatverkehr befreien und diesen Raum für alle nutzbar machen. Genau diesen Zweck verfolgten auch die ersten «Reclaim the Streets»-Partys in London zu Beginn der 90er-Jahre. Sie waren Protestaktionen gegen neue Strassenbauprojekte. Weil die Strassen früher einmal allen gehörten, so die Rechtfertigung in eigener Sache, bräuchten die Aktivisten keine Bewilligung für ihre Demonstrationen einzuholen.
In der Zwischenzeit hat sich die Bewegung auf Kontinentaleuropa ausgeweitet und ist je nach Stadt unterschiedlich geprägt. In Zürich ist «Reclaim the Streets» ein Protest gegen die Aufwertung und Sanierung der Kreise 4 und 5: Zürich ist eine tolle Partystadt, aber nicht alle können es sich leisten, 45 Franken Eintritt in einen Club und 8 Franken für ein Bier zu bezahlen. Zudem werden Menschen wegen der steigenden Mietzinse gezwungen, in andere Quartiere oder in die Agglomeration wegzuziehen. «Yuppies raus aus dem Kreis 4» steht seit Samstag in der Unterführung der Kornhausbrücke.
«Das Kapital» will keiner lesen
Schlagworte wie «Ausgrenzung» und «Privatisierung von öffentlichem Raum» ziehen allerdings auch selbst ernannte Revolutionäre an. Sie hoffen, diese aus ihrer Sicht verelendenden Jugendlichen für die Weltrevolution zu gewinnen. Doch die marxistische Begleitmusik interessiert das alternative Partyvolk nicht. Es will nicht das «Kapital» lesen, sondern für fünf Franken Eintritt ein gutes Konzert in einem besetzten Haus in der Binz, Kalkbreite oder Wehntalerstrasse hören. Und dabei nicht grossformatige Werbeplakate von Handyfirmen anschauen müssen.
Schon 2003 kam es an einem ähnlichen Happening zum Krawall. Damals zog «Reclaim the Streets» von der Josefswiese über die Langstrasse in Richtung Lochergut. Auf der Kornhausbrücke knallte es zum ersten Mal, in der Seebahnstrasse beendete die Polizei den Umzug mit Gummischrot und Tränengas. Der Sachschaden betrug 80′000 Franken.
Einige Aktivisten regelten sogar den Verkehr
Bereits damals hatten Mitläufer ihr eigenes politisches Süppchen gekocht. Am letzten Samstag war alles noch gewalttätiger und aggressiver. Linke Gruppen wie die Anarchisten und der Revolutionäre Aufbau nahmen ihre klassischen Ziele ins Visier: McDonald’s, Hooters, ZKB, Mercedes-Garage als Symbole von US-Imperialismus und Kapitalismus. Wahrscheinlich gab es eine Arbeitsteilung: politische Gewalt seitens der Anarchisten und der Revolutionäre, unpolitische gegen einen Coiffeurladen und VBZ-Haltestellen von Jugendlichen aus dem Kreis 4 und der Berner Gang «031». Letztere ist eine Gruppe von rund einem Dutzend jungen Leuten aus der Mittelschicht, die in Bern für Skrupellosigkeit und Gewalttätigkeit bekannt ist. Ihr Vorbild sind die «Mara» aus El Salvador: organisierte Banden aus den Slums, die mit Waffen und Drogen handeln, Schutzgeld erpressen und morden.
Als die vier Soundmobiles von «Reclaim the Streets» mit Bar und rund 1000 Leute die Strassen entlang tanzten, regelten an der Spitze einige Aktivisten sogar den Verkehr. Gegen die Gewalttäter war jedoch nichts zu machen: Als die ersten Scheiben zu Bruch gingen, kam es zu Handgreiflichkeiten. Und gegen Hammer und Schlagstock waren Worte machtlos. Als es auf der Stauffacherbrücke zur Konfrontation mit der Polizei kam, verliessen viele den Umzug.
Was tun mit Mitläufern?
«Reclaim the Streets» und Revolutionärer Aufbau würden nicht zusammenpassen, sagt der Soziologe Richard Wolff. «Der Revolutionäre Aufbau ist aus der Zeit gefallen.» Das hinderte die Kommunisten freilich nicht daran, zusammen mit den Anarchisten die Demo von «Reclaim the Streets» für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Und weil die Partys illegal sind, hofften Hooligans und Jugendliche aus dem Kreis 4 auf Adrenalinkicks durch Strassenschlachten mit der Polizei.
Die Aktivisten von «Reclaim the Streets» sind weitgehend ratlos, wie es nach dem letzten Samstag weitergehen soll. Falls sie die unbeliebten Mitläufer ausgrenzen, verstossen sie gegen die eigene Grundidee: Die Bewegung ist für alle offen, und sie will wachsen, um Wirkung zu erzielen. Zudem müsste sie einen eigenen Sicherheitsdienst aufstellen wie das «Bündnis gegen Rechts» in Bern: Dieses beschützt die «antifaschistischen Spaziergänge» gegen Neonazis und geht gegen Krawallanten in den eigenen Reihen vor. Doch wer in Zürich will das auf sich nehmen?
Ähnliches Schicksal wie der 1. Mai
Vielleicht wird «Reclaim the Streets» ein ähnliches Schicksal erleben wie der 1. Mai: Die Nachdemo ist seit Mitte der 90er-Jahre ein ritualisiertes Krawallspektakel. Früher war es nicht selten eine friedliche Angelegenheit: wenn etwa spanische Immigranten gegen die Franco-Diktatur protestierten.
«Selbst massive Polizeipräsenz wird die Leute nicht von Aktionen abhalten», sagt einer von «Reclaim the Streets». Die Vermummten mit Hammer und Schlagstock werden aber auch da sein.
