Spiegel der Realität
Das stadt.labor hat Anfang Dezember ein Planspiel durchgeführt. Dabei setzten sich 27 Akteure in sechs Interessengruppen mit den Folgen eines fiktiven Aufwertungsprojekts auseinander.
Yves Kramer
Die stadtpolitische Plattform stadt.labor hat ein Planspiel (siehe Kasten) durchgeführt. Kannst du uns kurz etwas zur Ausgangslage des Spiels sagen?
Thomas Stahel: Im Bezirk 22 einer Global City plant die Stadtverwaltung das Kongress- und Geschäftszentrum El Mar, um das etwas herunter gekommene Viertel aufzuwerten. Während die einen vom Projekt profitieren, sind andere durch El Mar in ihrer Existenz bedroht. Die Handlung unseres Spiels war rein fiktiv – wobei natürlich Ähnlichkeiten zu Zürich und zur Kasernenplanung respektive zum Projekt «Stadtraum HB» (Neurogate) im Langstrassenquartier nicht von der Hand zu weisen sind.
Wurde das Kongress- und Geschäftszentrum El Mar im Spiel gebaut?
Das Spiel hatte nicht zum Ziel, dass es eine endgültige Lösung gibt. Am Ende gab es keine mehrheitsfähige Übereinkunft. Ein Kompromissvorschlag der Stadtverwaltung, wonach nur ein Teil der bedrohten Liegenschaften abgerissen wurde, stiess auf erstaunlich wenig Echo.
Wer hat mitgespielt?
Das Spektrum der Teilnehmenden war breit, vom 20- bis 73-Jährigen. Was die Leute verband, war eine kritische Grundeinstellung gegenüber einer Stadtentwicklungspolitik zum Wohl der Wirtschaft und Reichen. Mich hat beeindruckt wie die unterschiedlichen Leute, die sich zuvor überhaupt nicht kannten, so spontan miteinander agiert haben. Es hat auch niemand destruktiv gehandelt oder das Spiel vorzeitig verlassen.
Das Planspiel lebt zu einem guten Teil vom Engagement aller am Spiel Beteiligten. So gesehen ist – entgegen dem Namen – bei Planspielen vieles nicht planbar. Wie hat sich dies aufs Spiel ausgewirkt?
Die Organisation eines Planspiels war für uns in der Tat Neuland, ein Experiment. Der Anfang der Verhandlungsphase war dementsprechend hektisch. Nach einer halben Stunde wurden wir regelrecht von Anträgen für Verhandlungen überrannt und waren uns in der Spielleitung total uneinig. Nach einem kurzen Time-out hat sich die Situation aber schnell beruhigt und es entstand ein guter Spielfluss.
Entstanden durch den spielerischen Zugang zum Thema neue, überraschende Erkenntnisse?
Es ist erstaunlich, wie viele Ideen in den knapp fünf Spielstunden vorgetragen wurden: vom Hungerstreik über eine Demonstration bis zum runden Tisch ist das ganze Spektrum an Handlungsmöglichkeiten genutzt worden. Die Vorgänge waren aber insgesamt stark an der Realität orientiert. Die SpielerInnen konnten durch den Perspektivenwechsel neue Erkenntnisse bezüglich dem Verhalten von verschiedenen Akteuren und der Dynamik in Gruppen erhalten. Das Planspiel hat auch aufgezeigt, dass Politik nicht immer todernst und trocken sein muss.
Zeichneten sich im Spiel Handlungsansätze ab, die man ausserhalb des Spiels weiter verfolgen könnte?
Die linken und marginalisierten Interessengruppen (die MieterInnen der durch El Mar betroffenen kommunalen Siedlung, die alternative Szene und die BewohnerInnen einer mit dem Kraftwerk 1 vergleichbaren Genossenschaftssiedlung) haben es trotz ähnlicher Interessen nicht geschafft eine gemeinsame Position zu finden. Daraus könnte man ableiten, dass eine erfolgreiche Protestbewegung flexibel sein muss und möglichst viele Gruppen einbindet, ohne dass diese ihre Eigenständigkeit verlieren.
Welche Schlüsse ziehst du daraus für das weitere Vorgehen beim Kaserneareal und bei Neurogate?
Man darf die Ergebnisse nicht zu eng auf die Langstrasse beziehen. Das Spiel war mehr ein Spiegel der Realität. Es hat wenig direkt Umsetzbares im Hinblick auf den Umgang mit den realen Stadtentwicklungsproblemen herausgeschaut, dazu war die Zeit einfach zu knapp.
Seid ihr mit dem Ergebnis trotzdem zufrieden?
Trotz einigen Schwächen im Spielaufbau ziehen wir ein äusserst positives Fazit. Wir möchten das Spiel auf jeden Fall nochmals ausschreiben, eventuell auch in anderen Städten. Mit vereinzelten Änderungen im «Storybook» könnten wir auch das Resultat im Sinne einer besseren Übertragung in die Realität noch optimieren. Wenn 30 Personen während einem halben Tag so intensiv zusammen arbeiten, hat dies ein enormes Potential.
PLANSPIEL
In einem Planspiel setzen sich die Spielenden in mehreren Interessengruppen mit einem fiktiven Szenario auseinander. Dabei wird ein Stück soziale Wirklichkeit simuliert. Ausgangslage ist ein gesellschaftlicher Konflikt, von dem verschiedene Akteure ungleich betroffen sind. Das Planspiel gliedert sich in drei Phasen: Einführung, Spielphase mit Konferenz und Auswertung. Die Teilnehmenden versuchen in der Spielphase ihre Bedürfnisse und Interessen bei Verhandlungen, Interventionen etc. einzubringen und/oder durchzusetzen. So werden ungleiche Machtpositionen und Handlungsmöglichkeiten erlebbar. Das Planspiel ist zum einen eine aussergewöhnliche Lernform, zum anderen eine kreative Auseinandersetzung in einem komplexen Prozess.
