Madrid hat eine neue, sehr eigene Attraktion

Die Calle Fuencarral hat den Dreisprung geschafft: vor zehn Jahren Drogenszene, vor fünf Jahren Alternativ-Geheimtipp, heute die beliebteste Einkaufsstrasse der Madrider Jugend.

Martin Dahms
Cerezo redet sich in Begeisterung. «Du wirst in ganz Spanien nichts Vergleichbares finden. So etwas Avantgardistisches, so etwas Futuristisches, so etwas Cooles.» Cerezo meint den Mercado Fuencarral, «das Warenhaus für alle, die keine Warenhäuser mögen», in der Calle Fuencarral 45. Ein Warenhaus mit Fussböden aus spiegelglattem Beton und mit stählernen Treppen, ein Warenhaus mit DJ hinterm Plattenspieler, der alle drei Etagen mit seiner elektronischen Musik beschallt, ein Warenhaus mit grosszügig tätowierten und gepiercten Verkäufern und Verkäuferinnen, ein Warenhausparadies für 15- bis 30-Jährige.

Spezielle Umgangsformen
Cerezo betreibt darin einen kleinen Laden, Trendy, er verkauft Sonnenbrillen, Uhren, Handtaschen, Schmuck – «aber vom Feinsten!, nichts für Hippies». Cerezo hat auch einen Vornamen, «aber alle nennen mich Cerezo, schreib einfach Cerezo». – «Wie alt bis du, Cerezo?» – «Rate mal.» – «40?» – «Ach, ich liebe dich: 45.» Ein Warenhaus auch mit etwas anderen Umgangsformen.
Cool, futuristisch, avantgardistisch, so will die ganze Calle Fuencarral sein. Auf den ersten Blick fehlt ihr dazu jede Voraussetzung. Die Fuencarral ist eine schmale, lange Innenstadtstrasse, die sich mit ihren einfachen, vierstöckigen Bürgerhäusern aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht von anderen Madrider Innenstadtstrassen unterscheidet. An den Fassaden kleben kleine Balkone mit schmiedeeisernen Gittern, in den oberen Stockwerken erwarten leicht verstaubte Pensionen zahlende Gäste. Unten quält sich ein kaum abreissender Strom von Bussen, Taxis, Lieferwagen und Privatautos zum Herzen der Stadt voran, Richtung Gran Vía und Puerta del Sol.

Nicht kommerzieller Kommerz?
Dass gerade diese Strasse sich zur hippsten Modemeile Madrids entwickelt hat, zum stärksten Magneten für junge Kaufwilde, ist ein kleines urbanistisches, soziologisches und kommerzielles Wunder. Alles begann mit dem Mercado Fuencarral, sagen die Betreiber des Mercado Fuencarral. «Hier gab es nichts, dies war Junkie-Gegend», sagt Diego de Anna, der jugendlich sympathische Marketingchef des Mercado. Das Warenhaus öffnete vor sieben Jahren, im Dezember 1998. Es nannte sich anmassend «Centro comercial anti-comercial», und der Spagat zwischen Kommerz und antikommerzieller Attitüde funktionierte von Anfang an.
Das angepeilte Publikum kam, weil es fand, was es wollte. Mode, die die Eltern ärgert, Flippiges, Ausgefallenes, Schräges, Respektloses, das obligate Tätowier- und Piercingstudio, den Coiffeur, der die Haare so schneidet, färbt, verlängert oder verhunzt, wie es euch gefällt. Und ein Ambiente aus angesagter Musik, kühler Architektur und lässigem Verhaltenskodex, das den Mercado eindeutig als Jugendterritorium markiert.

Ein gerettetes Quartier
In der Bar im Untergeschoss gibt es die Cola noch für 1.50 Euro, was in Madrid schon fast geschenkt ist. Ein junger Mann im Blazer, mit gelockerter Krawatte und einem kleinen Ring in jedem Ohr, kommt die Treppe heruntergestiegen, eine Bildermappe unterm Arm, darin grossformatige Fotos, die er den Leuten von der Bar zeigt, auf dem Boden ausgebreitet. «Wirklich gut!», finden sie, aber nein, hier hängen sie leider keine Kunst an die Wände, «versuchs doch beim Coiffeur in der Calle Apodaca, der stellt aus», animieren sie ihn. Der junge Mann mit den Fotos heisst Nicolas Donato, 21 Jahre alt, aus der Bretagne, nachdenklich, ernst und offen zugleich. Eine spontane Eingebung habe ihn nach Madrid geführt. «Ich war wohl auf der Suche nach dem spanischen Traum, nach der Gitarre an der Strassenecke.» Er lacht. «Nach dem Klischee eben.» Stattdessen entdeckte er die Calle Fuencarral. Ein anderes Spanien. Hier sieht er Leute «mit dem starken Bedürfnis, ihre Identität auszudrücken». Ja, konsumorientiert auch, «aber gleichzeitig extravertiert, voller Lust, ihre Gefühle zu zeigen».
«Die Calle Fuencarral hat sich verändert. So wie sich Spanien verändert hat», sagt Manuel Prieto mit dem wissenden Lächeln seiner 60 Jahre. Der gebürtige Galicier betreibt seit 1983 die Pension Kryse im ersten Stock der Hausnummer 25. Von dort oben hat er den Veränderungen zuschauen können. «Zwei Häuser weiter, in der 29, gabs eine Diskothek und hier gegenüber, in der 22, eine Bar – eines der wenigen Lokale, das bis heute überlebt hat -, da trieben sich die Dealer und die Süchtigen rum. Das waren fatale Jahre. Diebstähle, Einbrüche, das war normal.»
Prieto spricht vom Ende der Achtziger, Beginn der Neunziger. Hier, nördlich der schimmernden Gran Vía mit ihren klassizistischen Kino- und Büropalästen, verkümmerte die Stadt zum Hinterhof. Bis die Politik reagierte. Das Programm zur Rettung der Altstadt begann Ende 1994 mit der Sanierung von ein paar Strassen in Malasaña, dem Viertel westlich der Calle Fuencarral, und ist später Strassenzug um Strassenzug fast auf das gesamte historische Zentrum ausgedehnt worden. Den entscheidenden Kick aber bekam die Fuencarral von der anderen Seite, von Chueca: dem Viertel, das sich Madrids Schwule zu ihrer Heimat erwählt haben. «Die Schwulen haben guten Geschmack und Geld», sagt Diego de Anna vom Mercado Fuencarral.
Ein paar Läden für die etwas andere Mode trauten sich Mitte der Neunzigerjahre in die Strasse, dann zog 1998 der Mercado nach. «Es gibt viele Leute, die viel Lust haben, viel Geld für Klamotten auszugeben», sagt Javier Serrano, Ko-Chef eines Ladens, den der spanische Modedesigner Custo vor vier Jahren in der Hausnummer 29 aufmachte. Custo verkauft T-Shirts für 75 Euro. «Man merkt den schwulen Einfluss in der Strasse noch», sagt Serrano, «aber die meisten Kunden sind mittlerweile Frauen, viele Touristinnen auch aus Italien und Frankreich.»
Die Eröffnung der eleganten T-Shirt-Boutique Custo markierte den zweiten Wendepunkt in den stürmischen letzten zehn Jahren der Calle Fuencarral. Mit dem Mercado hatte sich die Strasse noch immer als alternative Geheimadresse geben können. Jetzt kamen die Edelmarken, die Ketten. Ein Madrider Maklerbüro, Brokermadrid, entdeckte das Potenzial der Calle Fuencarral und lotste die Firmen mit den grossen Werbebudgets in das Strässchen. «Wir sahen da eine Bewegung», sagt Lorenzo Hernández von Brokermadrid, «wir sahen Chancen.» Den letzten grossen Coup hat der Makler vor kurzem mit der Vermietung eines 400-Quadratmeter-Lokals an Adidas gelandet: für 30 000 Euro monatlich – eine der meistkommentierten Zahlen unter den staunenden Geschäftsleuten der Gegend. «Die Calle Fuencarral ist die Strasse mit dem jüngsten Publikum ganz Spaniens», erklärt Hernández. «Und sie ist eine der teuersten.»

Nur einer will nicht mitmachen
«Sie waren alle schon hier», sagt Juan Ayuso und zieht einen Packen Visitenkarten, von einem roten Gummiband zusammengehalten, aus der Schublade in seinem Hinterzimmerbüro. Ayuso betreibt in der Nummer 25, unter der Pension Kryse, den ältesten Eisenwarenladen Madrids, die Ferretería Subero, in Familienbesitz seit 1862, letzte Renovierung 1960. Er bekommt regelmässig Besuch von Immobilienmaklern, «aber ich weiss nicht einmal, was sie mir bieten würden. Ich habe allen gleich Nein gesagt.»
Doch niemand sonst kann dem Ruf des grossen Geldes widerstehen. In der Nummer 37 hat der Benetton-Konzern gerade seine jugendliche Marke Sisley etabliert, dafür hat der Madrider Homosexuellenverband Cogam sein traditionelles Domizil aufgegeben. «Unser Mietvertrag lief noch zwei Jahre, aber sie haben uns ein Angebot gemacht. Wir habens angenommen», erzählt Cogam-Sprecher Arnaldo Gancedo. Der Verband richtet sich zurzeit ein neues Büro in einer kleinen Strasse in Malasaña ein. Die Schwulen gehen. Fuencarral wird Markenterritorium.
Letzten Herbst hat um die Ecke vom Mercado ein Starbucks aufgemacht. Das Futuristische, das Avantgardistische, das Coole ist aus der Hauptstrasse der jungen Mode noch nicht verschwunden. Der alternative Geist allerdings, der die Fuencarral vor fünf Jahren beherrschte, ist inzwischen aber in die Seitenstrassen gezogen.
Im Deli Room in der Calle Santa Bárbara, spezialisiert auf weniger bekannte spanische Designer, stehen flippige Schuhe in einer alten Metzgereitheke – «wir haben stundenlang geschrubbt, um den Fleischgeruch wegzubekommen», erzählt die Chefin Sonia Ruiz. Wer noch ein bisschen weiterläuft, findet seit kurzem in der Calle Espíritu Santo in Malasaña eine Reihe kleiner Klamottenläden, die sich die Mieten in der Fuencarral nicht leisten wollen und trotzdem ausgefallene Dinge anbieten. «Espíritu Santo, das ist die Zukunft», sagt Sonia vom Deli Room schon.

Hier ist das Leben
Im Mercado Fuencarral zieht sich der Trendy-Besitzer Cerezo eine Jacke über, die eine italienische Kundin im Nachbarladen für einen Freund zu Hause ausgesucht hat. «Ach, ich liebe es, Modell zu spielen», kokettiert Cerezo. «Aber du bist dünner als mein Freund», klagt die Italienerin. Cerezo strahlt. Sein Geschäft geht gut. Er fühlt sich wohl. Billig ist bei ihm nichts zu haben, Gucci, Dior und Armani haben ihren Preis, auch für junge Leute. «Das Besondere muss eben bezahlt werden.»
Es ist Abend, die beste Zeit zum Verkaufen. Auf den schmalen Trottoirs der Strasse schiebt und drängt es sich. Wo immer die Zukunft ist: Die Calle Fuencarral ist die Gegenwart.

Tages-Anzeiger, 16.11.2005