Hausbesetzung mit Langzeitwirkung

Was 1980 mit Hausbesetzungen begann, ist heute eine vom Heimatschutz prämierte Genossenschaft mit 150 Bewohnern und 60 Arbeitsplätzen: das Dreieck im Zürcher Stadtkreis 4. Mitgründerin Iris Vollenweider erinnert sich.

Matthias Scharrer
Zürich, 2005: Sichtbeton prägt Iris Vollenweiders Wohnung im modernsten Haus der Genossenschaft Dreieck. «Man muss Beton mögen, um sich hier wohl zu fühlen», sagt die 44-jährige selbstständige Projektmanagerin. Sie blickt aus dem Fenster über den Innenhof auf das Haus an der Ankerstrasse 16, eines der ältesten Häuser der Genossenschaft im Zürcher Kreis 4. «Damals», erinnert sie sich, «war Beton verpönt.»

Schloss geknackt
Zürich, 1980: Die damals 19-jährige Iris Vollenweider hatte mit Freundinnen eine Wohnung im Haus Ankerstrasse 16 besetzt. Eine Kollegin knackte das Schloss, obwohl man eigentlich nur an die Tür hätte «ginggen» müssen, um hineinzukommen. Die Häuser im Dreieck zwischen Anker-, Zweier- und Badenerstrasse waren verlottert. Von der Stadt einst aufgekauft, um einer Stadtautobahn zu weichen, die dann nie gebaut wurde. Abbruchobjekte. Die Stadt gab den jungen Besetzerinnen Mietverträge.
Auf den Strassen rebellierte Zürichs Jugend zu Tausenden. Steine und Tränengaspetarden flogen. Das Alternative Jugendzentrum (AJZ) beim Hauptbahnhof – heute längst abgerissen und zum Carparkplatz zubetoniert – entstand. Auch Vollenweider gehörte zu den AJZ-Besetzerinnen. «Wir wollten selbstbestimmt und kreativ leben. Wir haben uns auf diese Art die Stadt angeeignet», sagt sie rückblickend.
Am Stauffacher, einen Steinwurf von der Ankerstrasse entfernt, wurden ebenfalls Häuser besetzt. Die Polizei wollte räumen. Die Besetzer verbarrikadierten sich. «Wir unterstützten sie von aussen und brachten ihnen Food», erinnert sich Vollenweider. «Unter den Besetzern entstand ein Netz, das noch heute spielt.» Es spielte auch nach der Räumung der Häuser am Stauffacher: «Wir sagten unseren Freunden, dass an der Ankerstrasse 20 ein Haus leer stand. Viele kamen.» Um die aufgeheizte Situation zu befrieden, zeigte sich die Stadt Zürich als Hauseigentümerin kooperativ und schloss Mietverträge mit den Besetzern ab.

Architekten gefangen
Mitte der Achtzigerjahre strebte die Stadt noch immer den Abbruch der Häuser im Dreieck an. Die damalige Hochbauamtsvorsteherin Ursula Koch plante einen Neubau und schrieb einen Architekturwettbewerb aus. Ihr Ziel war eine Wiederbelebung und Aufwertung des Quartiers. «Wir fanden: Hier muss man nichts neu beleben. Es lebt ja schon», sagt Vollenweider.
Widerstand wuchs: Als Architekten, die am Wettbewerb teilnahmen, das Gelände begingen, warfen Bewohner ein Netz über dem Innenhof ab und fingen sie. In der Nacht vor der Jury-Prämierung wurden die Architekturmodelle geklaut. Die Bewohnerinnen und Bewohner, darunter auch viele Ausländer, die schon vor den Besetzungen im Dreieck gewohnt hatten, organisierten sich: Sie gründeten den Verein Dreieck mit dem Zweck, günstigen Wohnraum zu erhalten; verteilten Flugblätter, veranstalteten Aktionen und Feste und lobbyierten im Stadtparlament. Dort sass Iris Vollenweiders Vater als LdU-Vertreter.

«Heute wieder eine kreative Szene»
Die Hartnäckigkeit lohnte sich: Der Zürcher Gemeinderat stimmte schliesslich der Übergabe der Häuser an die bürgerliche Wohnbaustiftung SBW zu. Dem Verein Dreieck wurde zugesichert, die Häuser nach der Gründung einer Genossenschaft im Baurecht übernehmen zu können. 1996 war es so weit: Die Genossenschaft wurde gegründet, Iris Vollenweider ihre erste Präsidentin. Arbeiten für eine sanfte Sanierung begannen.
Die Genossenschaft Dreieck setzte sich für ein Zusammenleben verschiedener Kulturen ein, bot auch Raum für Wohngemeinschaften und erhielt unter Einbezug der Bewohner günstigen Wohnraum. Die Stadtzürcher Vereinigung für Heimatschutz würdigte sie 1996 mit ihrem Heimatschutzpreis. Seither renovierte und expandierte das Dreieck, das heute 60 Wohnungen und 30 Gewerberäume umfasst.
Zürich 2005: Iris Vollenweider blickt aus dem Fenster. «Wir haben heute wieder eine sehr kreative Besetzerszene in Zürich», sagt sie und erwähnt ein neueres Besetzerprojekt ein paar Strassen weiter. Ihre Augen leuchten. «Wir wollen das Leben nach wie vor möglichst selbstbestimmt gestalten.»



«WICHTIG FÜR DIE KULTURELLE ÖFFNUNG»

Der Historiker Thomas Stahel* über die Bedeutung der 80er-Bewegung

Wie haben die Jugendunruhen von 1980 das Wohnen in Zürich verändert?
Thomas Stahel: Es kam zu einer Welle von Hausbesetzungen. Die im Laufe der Siebzigerjahre entstandenen Wohngemeinschaften wurden durch die 80er-Bewegung endgültig mehrheitsfähig. Zudem war die Bewegung Wegbereiter für die vielfältige kulturelle Szene, die heute in Zürich existiert. Vor 1980 war die Stadt eher langweilig. Die Bewegung war wichtig für die kulturelle Öffnung.

Langweilig aus Sicht einer gewissen gesellschaftlichen Gruppe . . .
Stahel: Langweilig ist vielleicht das falsche Wort. Das kulturelle Angebot war sehr einseitig, die öffentlichen Gelder flossen fast ausschliesslich ins Opern- und Schauspielhaus. Orte für die freie Theaterszene, für Rockkonzerte und Partys fehlten praktisch gänzlich.

Hausbesetzungen sind in der Regel kurzlebig. Was blieb von den Besetzungen der 80er-Bewegung übrig?
Stahel: Im Vergleich zu anderen Städten wie Amsterdam und Berlin konnten sich in Zürich nur sehr wenige Hausbesetzungen in eine legale Form retten. Ein Beispiel ist die Genossenschaft Dreieck, ein anderes die Siedlung an der Helmutstrasse bei der Bäckeranlage. Von den Hausbesetzern ging aber eine starke Wirkung aus. Themen wie Wohnungsnot wurden erstmals von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und von der Politik thematisiert. Vielen Besetzern ging es gar nicht darum, etwas Längerfristiges aufzubauen. Man wollte einfach eine gute Zeit haben. Man lebte in den Tag. (mts)

*Thomas Stahel ist Historiker und hat in seiner Dissertation stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968 untersucht.

Limmattaler Tagblatt, 21.02.2005