Ganz ohne Privatsphäre gehts nicht
Sieben Personen leben ohne Wände in einem Raum zusammen. Eine Fortsetzung von Big Brother auf RTL II? Falsch, ein Wohnprojekt in Altstetten. Ein Interview mit zwei BewohnerInnen beleuchtet die Hintergründe und den Wandel des Projekts.
Thomas Stahel
Ihr habt vor gut vier Jahren die Fabritzke als offenes Loft gegründet (vgl. Kasten). Gleichlaufend gibt es heute eine starke Individualisierung der Gesellschaft, ihr steht also total quer in der Landschaft. Was waren eure Beweggründe?
Hajück: Grundlegend waren für uns Erfahrungen in anderen Wohngemeinschaften. Wir wollen so wohnen. Ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen und lebe nicht gerne allein. Und in der WG, in der wir zuvor gewohnt haben, ergänzten wir uns ganz gut, so dass wir entschieden, es in dieser Form zu versuchen.
Von einer WG zum offenen Loft besteht aber noch ein grosser Unterschied…
Hina: Wir wollten über die reine Wohnform einer WG hinaus. Das heisst, wir haben die Fabritzke als Wohnkulturprojekt angelegt. Wir wollten nicht nur wohnen und leben, sondern auch Veranstaltungen im eigenen Wohnraum realisieren. Es war uns damals sehr wichtig, dass wir an den Anlässen in der Fabritzke unseren Wohnraum beibehalten, um diese Grenze zwischen Wohnen und Kultur aufzuheben. Es war auch eine riesige Chance, eine solche Halle zu nutzen, den Wohnraum selber zu gestalten und gemeinsam aufzubauen. Wir haben zum ersten Mal die Möglichkeit gehabt, in einem Raum zu wohnen, der gross ist, der hoch ist und wo man das Gefühl von Platz hat. Es wäre fatal gewesen, diese Chance zu verbauen, indem sich jeder Wände einzieht. Wer einmal in einer WG gewohnt hat, weiss, dass Wände in einer gewissen Weise überflüssig sind – man hört sich auch so.
So beschlossen wir, unsere Privatsphäre auf ein Minimum zu begrenzen und immer eine Halböffentlichkeit beizubehalten, sich nur durch Vorhänge abzugrenzen und diese tagsüber aufzuziehen. Am Anfang waren wir da noch viel strikter, da waren jegliche Abgrenzungen verpönt. Nach und nach hat man dies jedoch an die eigenen Bedürfnisse angepasst.
Hajück: Ich persönlich habe mich bei der Entstehung dafür eingesetzt, ohne Wände zu wohnen, da es mich an meine Kindheit erinnerte, als wir zu sechst in einem Zimmer lebten. Die Krise nochmals leben, das hat mich sehr gereizt.
Krise? Das hört sich aber nicht gerade positiv an. Geht ihr bewusst an die Grenzen von euch selber?
Hajück: Ja klar. Aber das ist auch positiv. Mit Krise meine ich, wie ich es in der Kindheit empfunden habe.
Hina: Anfänglich stellte sich schon die Frage, ob dies überhaupt funktioniert. Diese Frage führte auch immer wieder mal zu Krisen, bis zu dem Zeitpunkt, da man die Wohnverhältnisse respektive die eigene Privatsphäre an die individuellen Bedürfnisse angepasst hat. Wir haben nach und nach gemerkt, dass es auch Privatraum braucht.
Du sprichst von einer veränderten Bedeutung eures Wohnprojekts. Inwiefern hat sich die Ursprungsidee der Fabritzke gewandelt?
Hina: Ich habe das Gefühl, dass am Anfang der Aspekt des Veranstaltens im eigenen Raum stärker war und das Experiment von «Wohn-Kultur» sich etwas aufgelöst hat. Das Element des Wohnen ist über die Jahre hinweg wichtiger geworden.
Hajück: Was sich sicher gewandelt hat, ist, dass man mehr das Bedürfnis gekriegt hat, mit der Nachbarschaft Aktivitäten durchzuführen und weniger mit dem Projekt in die Stadt zu gehen. Am Anfang war die Öffnung gegen aussen viel wichtiger.
Gab es Leute, denen dies zu weit ging und wieder auszogen?
Hajück: Ja, das gab es schon.
Hina: Ich glaube, wenn man sich auf diese Wohnform einlässt, dann weiss man in etwa, was einen erwartet. Wenn wir einen Platz ausgeschrieben haben, dann kamen die Leute in den Raum und sagten «Oh nein, das ist nichts für mich» oder sie fanden es spannend und versuchten es. Es gab auch Leute, die Probe geschlafen haben und die sind dann die meistens auch geblieben.
Wie muss man sich den Alltag in der Fabritzke vorstellen? Als ich bei euch ankam (15.00) stand ein Mitbewohner gerade erst auf, ein anderer stieg in die Hochbadewanne (auf dem Dach der Dusche). Andere werden um diese Zeit wohl arbeiten und am Abend früh ins Bett gehen. Gibt es da nicht Konflikte?
Hajück: Eigentlich nicht, momentan gibt es praktisch keine Konflikte. Ich komme zum Beispiel nach einer Nachtwache um 8.30 am Morgen nach Hause zieh mich aus, geh ins Tipi, Ohrenstöpsel rein, Augenklappe auf, dann schlafe ich durch. Wenn ich unbedingt einen eigenen Raum brauche, gehe ich ins Atelier.
Hina: Das Prinzip ist halt schon Toleranz. Dass man zum einen die eigene Schmerzgrenze erhöht. Wie viel lasse ich zu, und wie viel kann ich ertragen? Und dass man zum andern die Rücksichtnahme verstärkt. Wenn jemand schlafen möchte, weil er am nächsten morgen früh raus muss, macht man halt leiser und schaut keinen Film. Das hat von Anfang an ganz gut funktioniert…
Hajück: … Früher hatten wir zum Filme schauen auch einen Kopfhörerverteilerstecker mit sechs Buchsen gehabt. Es gibt für alle Probleme eine Lösung.
Hina: In letzter Zeit ist es durch die vielen Clubs in der Umgebung fast lauter als drinnen. Das Stresspotential kommt also mehr von ausserhalb.
Wie ist das, wenn ihr einen neuen Partner nach Hause nehmt und gerne etwas Privatsphäre haben wollt? Und Sex, wie läuft das mit dem Sex?
Hajück: Ich habe das nicht unbedingt gelebt, es war aber nie ein Problem. Wenn ich eine Frau mitbrachte, war es eher so, dass die anderen im Fabritzke sie in Beschlag nahmen, und sie für mich eine Zeit lang wie weg war. Partnerschaft und Sexualität wird im Allgemeinen einfach angenommen. Man redet natürlich viel darüber.
Hina: Es gibt ja auch die Möglichkeit sich zurückzuziehen. Das «Red House» – bewusst als ein gedämpftes Zimmer als Ruheraum für Kranke und Paare geplant – wird aber praktisch nicht benutzt. Inzwischen hat sich aber auch jeder sein Rückzugsgebiet geschaffen, so dass der Raum gar nicht mehr so offen ist. Alle haben ein Hochbett, Vorhang oder Schallglas.
Ihr betreibt alle auch in irgend einer Weise Kunst oder Kultur. Die Dada-BesetzerInnen an der Plattenstrasse machen den Alltag zur Kunst. Seht ihr das ähnlich?
Hina: Als ich hier eingezogen bin, habe ich das ganze wirklich als Kunstprojekt gesehen. Für mich war es die Möglichkeit Öffentliches und Privates aufzulösen. Wo fängt hier im Raum Kunst an und wo das Private? Diese Mischform, diese Aufhebung von Grenzen, sowohl von Kunst als auch von Alltag, hat mich extrem fasziniert. Im Laufe der Zeit hat sich das gewandelt. Da man hier nun seit vier Jahren den Alltag lebt, ist es längst kein Kunstprojekt mehr, sondern einfach das Leben.
Hajück: Letzthin habe ich mit der Lyra (ein Instrument) gespielt, als Asti das Altglas entsorgte und die Flaschen am Boden herumschob, was einen Oberton erzeugte. Da habe ich aufgehört zu spielen, und wir haben gemeinsam mit Flaschen und Gläsern Geräusche gemacht. Eine solche Verwebung von Alltag und Kultur findet bei uns häufiger statt als in anderen Haushalten.
Hina: Wir versuchen aber nicht, unseren Alltag oder unsere Wohnform als Kunstprojekt zu gestalten.
Hat diese Wohnform eure Arbeit als Kunstschaffende beeinflusst?
Hajück: Klar. Wenn ich hier Kunst mache, gibt es eine permanente Auseinandersetzung mit anderen BewohnerInnen.
Hina: Meine Kunst wurde sowohl im Bereich der Performance als auch in der skulpturalen Arbeit geprägt. Ursprünglich kam ich von der klassischen Bildhauerei, d.h. man macht ein Objekt, und dieses ist das Kunstwerk. Die Entscheidung hierher gezogen hiess für mich schon auch, von dem an der Schule klassisch vermittelten Kunst-Modell Abschied zu nehmen und die Grenzen zwischen Objekt, Raum und Mensch verstärkt aufzulösen.
Hajück: Bei mir ist das künstlerische Schaffen mit Materialien etwas in den Hintergrund gerückt, weil ich hier gar nicht die Möglichkeit habe, an einer Arbeit dranzubleiben, mir kommt immer wieder viel dazwischen. Das Kunstwerk wird mehr zum sozialen Objekt.
Hina: Wir pflegen untereinander und mit NachbarInnen immer wieder regen Austausch, was uns ermöglicht über den eigenen Horizont und unser eigenes Metier hinauszuschauen. Dies fliesst natürlich in die Arbeit ein.
Ihr lebt hier in einer Zwischennutzung. Auf kurz oder lang werdet ihr profitträchtigeren Plänen weichen müssen.
Hina: Es gibt kein Bauprojekt auf dem Areal. Wir haben jeweils einen Dreijahresvertrag und, der ist vor kurzem verlängert worden, die nächsten drei Jahre ist das Projekt also auf sicher. Solche Wohnformen sind auch schwierig zu planen. Ich würde mich gar nicht auf so etwas wie eine Endnutzung festlegen wollen. Vielleicht wollen wir ja in drei Jahren alle aufs Land.
Man kann aber auch aufs Land gehen und das Projekt anderen Leuten überlassen…
Hina: Das stimmt schon. Es wird auch immer schwieriger solche Räume zu finden. Aber wir wohnen nicht in einem Einfamilienhaus. Es ist schon ein Unterschied, ob du das Haus kaufst, in dem du gemeinsam mit anderen wohnst, oder ein ganzes Areal. Da wirst du zum Verwalter und hast keine Zeit mehr deinen eigenen Interessen nachzugehen. Mir ist es viel wichtiger hier drin leben zu können. Ich habe auch das Gefühl, Freiräume schafft man sich immer wieder. Wenn es dieses Projekt nicht mehr gibt, entsteht das nächste. Vielleicht ist es auch eine Chance, dass es nicht zu statisch wird.
WAS IST DIE FABRITZKE?
Das Wohnprojekt Fabritzke entstand im Herbst 1999 als «offenes Loft» in Zürich Altstetten in einem ehemaligen Industrie-Areal. Nach eigenen Angaben definiert sich die Fabritzke als «eine Wohnkultur, in der zu Gunsten des Gesamtraumes auf die einzelnen Zimmer verzichtet wird und ein halböffentlicher Raum entsteht». Die Halböffentlichkeit besteht in doppelter Hinsicht: zum einen besteht der Anspruch, die eigene Privatsphäre in den öffentlichen Raum zu integrieren, zum anderen versteht sich die Fabritzke nicht als reine Wohngemeinschaft, sondern als Wohnprojekt. Die sieben BewohnerInnen des 250 Quadratmeter grossen Raumes zahlen je 550 Franken Miete pro Monat und sind in der Mehrheit in irgendeiner Form kulturell und künstlerisch aktiv.
.RF Nr. 20, November 2003.
