Einleitende Bemerkungen zum Dokumentarfilm Wonderland

Einleitende Bemerkungen zum Dokumentarfilm Wonderland und Hintergründe zur New Yorker Vorstadt Levittown auf Long Island.

Der Dokumentarfilm Wonderland entstand 1997 aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der New Yorker Vorstadt Levittown auf Long Island. Levittown ist in den USA und in Städtebau- und Architektur-Fachkreisen eine Legende: Das Time-Magazin bezeichnete 1998 Levittown als «kulturellen Höhepunkt seiner Zeit wie Venedig oder Jerusalem» und erkor den Bauunternehmer, Gründer und Namensgeber von Levittown William Levitt zu einem der «einflussreichsten Männer des 20. Jahrhunderts» (Time-Magazine, 7.12.1998). Tatsächlich verdient William Levitt diesen Titel mindestens in Bezug auf die USA. Denn Levittown ist als erste geplante Suburbia der USA das Modell für die amerikanischen Vorstädte der Nachkriegszeit und damit für die Wohnweise von heute über 60% der US-amerikanischen Bevölkerung geworden.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA allgemeiner Wohnungsmangel herrschte und Massen amerikanischen Soldaten aus dem Krieg zurückkehrten, führte die Regierung des demokratischen Präsidenten Truman für die Soldaten und ihre Ehefrauen Wohnbauförderungsprogramme durch. Gleichzeitig waren die von Architekten wie etwa dem Bauhausgründer Walter Gropius entwickelten Ideen der industriellen Vorfabrikation von Wohneinheiten zur Verbilligung des Wohnungsbaus auf dem Höhepunkt ihres Ansehens in US-Regierungskreisen. Aber auch die kleinbürgerliche Ideologie des privaten Einfamilienhäuschens im Grünen stand in den USA hoch im Kurs. Diese historische Chance nutzte der Bauunternehmer William Levitt, um das Einfamilienhaus zu einem industriellen Massenprodukt zu machen. Als Vorbild dienten die Methoden der Massenproduktion der Autoindustrie. Auf einem billig gekauften, riesigen Kartoffelacker auf Long Island bei New York erstellte die Firma Levitt and Sons 1947 mit staatlichen Subventionen in kürzester Zeit 17′000 relativ erschwingliche identische Einfamilienhäuschen aus industriell vorfabrizierten Bauteilen. Levitt teilte dabei den Konstruktionsprozess der Häuser in 27 standardisierte Arbeitsschritte auf und liess sie von 27 verschiedenen Handwerkerteams von Baustelle zu Baustelle wie am Förderband ausführen. Angelegt waren die Klonhäuschen im immer gleichen Abstand an kurvenlinearen Strassen, denen er u.a. Namen von Tieren, Blumen, Hügeln oder von Planeten des Sonnensystems gab. Um den Schulhausbau oder andere öffentliche Infrastrukturen kümmerte er sich nicht, was anfangs zu einem grossen Chaos in den wenigen weitentfernten Schulen führte. Sein Produkt, die neue erste geplante Suburbia der USA, nannte William Levitt in amerikanischer Bescheidenheit Levittown.
Damit gab er den Startschuss für die massenhafte Verwirklichung des kleinbürgerlichen Traums vom Einfamilienhaus in der grünen Vorstadt auch für die entstehende Mittelschicht. Die Nachkriegszeit ist geprägt von diesem typisch amerikanischen automobilabhängigen, landfressenden, auf die isolierte bürgerliche Kleinfamilie zugeschnittenen Lebensstil in grossflächigen Suburbias. Suburbias, die gekennzeichnet sind durch ein Maximum an funktionaler Teilung von Wohn-, Arbeits- und Konsumraum bei einem Minimum an geplanten öffentlichen Plätzen und Einrichtungen. Monoton in ihrer Bauweise, arm an öffentlicher Kultur und letzlich weder Stadt noch Land. Das Niemandsland der Suburb, Heimat der Familie Feuerstein und tausender amerikanischer Vorstadtfilme, welche die entstehende Mittelschichtskultur abbildeten und zur Norm erklärten.
Levittown und die vielen anderen amerikanischen Suburbias waren und sind auch heute noch Wohngebiete für überwiegend weisse, konservative Mittelschichten. Dies war ganz im Sinne von William Levitt der das Einfamilienhauseigentum als Bollwerk gegen den Kommunismus verstand: Sein Wahlspruch war: «Niemand, der ein Haus besitzt, kann ein Kommunist sein» (Time-Magazine, 7.12.1998). Konservativ weiss war auch Levitts Ansiedlungspolitik für Levittown: Bis in die 1960er Jahre verkaufte Levitt seine Häuser ausdrücklich nicht an Schwarze, bis es 1963 zu Protesten von Menschenrechtsgruppen dagegen kam und er seine Verkaufspolitik ändern musste. Da die meisten der BewohnerInnen von Levittown ehemalige Soldatenfamilien waren, ist der Patriotismus auch heute noch ausgeprägt in Levittown, wie das im Film schön zum Ausdruck kommt.
Der heute 35-jährige irische Regisseur John O’Hagen, der in den USA aufwuchs und in New York die Filmhochschule besuchte, interessiert sich weniger für den städtebaulichen, stadtentwicklerischen Aspekt von Levittown als für die Menschen, die heute 50 Jahre nach der Entstehung in dieser ersten geplanten Retortensuburb leben. Er zeigt Menschen, die der homogenisierenden Einförmigkeit der Suburb ein Stück Individualität abzugewinnen versuchen und dabei ihre Ticks und Macken entwickelten. Der Regisseur zeigt den Typus des Bowling-Enthusiasten der Teller sammelt, die abergläubische Frau, die glaubt, in einem verwünschten Haus zu leben, den psychologisch betreuten Karaoke-Sänger, der glaubt ein verhinderter Soulstar zu sein, ein Ehepaar, das alles was Holz ist (ausser dem Auto) fetischartig sammelt, das auseinandergelebte Ehepaar, das einmal ein mondänes Leben führen wollte, die Grillparties und Bingonachmittage des Quartiers, die patriotischen Zeremonien um die amerikanische Flagge etc. Er zeigt aber auch Menschen, wie den Sänger Eddy Money, die der Eintönigkeit von Levittown entflohen sind oder wie der Comic-Zeichner Bill Griffith, der aus seiner Jugend in Levittown einen Ideenschatz für seine Comicgeschichten gemacht hat.
Der Film hat nicht den Anspruch zu typisieren, mithin alle BewohnerInnen und das ganze Leben in Levittown darzustellen. Aber der Film gibt uns in seiner zuweilen banalen Darstellung dieser Menschen einen kleinen Eindruck von der Lebensweise in dieser und anderer Suburbias. Nicht zuletzt bringt er uns auch zum Nachdenken über den Lebensstil in nichtamerikanischen, nicht zuletzt schweizerischen Einfamilienhaus-Siedlungen und Agglomerationen und über die wunderliche Normalität «unserer» Suburbs. Eintritt frei also in das «Wunderland» von Levittown.