Domino der Eskalation

Zuerst die polizeiliche Schliessung der Boschbar und dann Tumulte an der Elisabethenstrasse: die Zürcher Subkultur muss unten durch.

Thomas Stahel
Es wird eng in Zürichs Subkultur. Nicht nur im hippen Raumschiff Rudi drängen sich immer mehr Leute. Während illegale Bars und Kultursquats zum Teil regelrecht überrannt werden, herrscht bei den kommerziellen Veranstaltern ein gnadeloser Konkurrenzkampf. Parallel führt die Stadtpolizei einen Feldzug gegen alles unangepasste – seien es nun bettelnde Punks oder unerwünschte Partylokalitäten.
Die Woche 19 des Jahres 2005 ist nur ein Höhepunkt dieser Entwicklung. Das Domino der Eskalation nahm seinen Lauf mit einer Razzia am 9. Mai in der Boschbar – ein Urgestein in der Szene und ab sofort Vergangenheit. «Für uns ist der Raum passé», ist das Fazit eines Mitglieds der Bargruppe; stattdessen geht die Boschbar ab sofort ins Exil (siehe Interview). Über die Gründe für den Zeitpunkt des Polizeieinsatzes lässt sich nur spekulieren. Tatsache ist, dass sich in letzter Zeit Hinweise denunziatorischer Natur häuften. Ob die bei der Polizei eingegangenen Reklamationen aus dem Spydergalaxy kamen, welches ja in einer Razzia vom 3. April 2005 geschlossen wurde, bleibt Spekulation. Die Schliessung der Boschbar setzte auf jeden Fall eine weitere Lawine in Gang. Aus Angst vor Repressalien wurde ein Anlass der ehemaligen Bogen 13-Betreiber in einem anderem Club abgesagt und in das besetzte Haus an der Kalkbreite verschoben. Der Ansturm dort war so gross, dass ein Teil der BesucherInnen zu einer privaten Party an der nahe gelegenen Elisabethenstrasse auswich. Das in einem Innenhof gelegene Lokal war aber dem Andrang nicht gewachsen, es kam zu Lärmreklamationen, einem Polizeieinsatz und anschliessend Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Um die gegenwärtige politische Situation zu verstehen, hilft ein kurzer Blick zurück: Die kulturelle Vielfalt Zürichs ist mitunter eine Folge der Opernhauskrawalle. Vor ziemlich genau 25 Jahren – am 31.5.1980 – begann eine Rebellion, die sich in erster Linie gegen die Kleinbürgerlichkeit und fehlende Räume für unkommerzielle Kultur richtete. Durch den Druck der Strasse begann die Stadt auch Kleinkultur zu fördern, man wurde insgesamt toleranter und es entstand im Untergrund eine lebendige Bar- und Kulturszene. Ende der 90er Jahre noch öffneten täglich mehrere illegale Bars. Die Nischen und Freiräume – Voraussetzung für diese Kultur – nahmen aber im Laufe der letzten Jahre bedeutend ab. Unter dem Druck der Profitmaximierung auf den Liegenschaftenmarkt verschwand manche Kellerbar, mancher Untergrund-Club. Mit dem Liberalisierung des Gastronomiegesetztes von 1998 hat zudem ein Teil der ehemals Illegalen eine Bewilligung gesucht und sich etabliert. Die Zahl derjenigen, welche für ein bisschen Disko oder ein Konzert keine 15 bis 45 Franken bezahlen wollen, hat aber nicht abgenommen – umso mehr als sich die subkulturellen Szenen seit einigen Jahren stark vermischt haben.
Das Bedürfnis nach Subkultur stösst aber heute an die Grenzen. Seit einigen Jahren gibt es einen starken Back-lash. «Das Problem ist die politische Grundstimmung», diagnostiziert ein Boschbarler. Die mühsam errungenen Freiheiten werden Schritt für Schritt zurückdefiniert – mit SP-Polizeivorsteherin Esther Maurer an vorderster Front (ob uns Frau Maurer Verwandtschaften verheimlicht?). Ob die Razzia an der Elisabethenstrasse nun Teil einer neuen polizeilichen Strategie ist oder direkte Folge der Razzia vom Montag, ist im Nachhinein müssig. Tatsache ist, dass die Polizei mit ihrem unverhältnismässigem Einschreiten die Eskalation – bewusst oder unbewusst – vorantreibt. Während einzelne Bars nun ihren Betrieb freiwillig einstellen werden, steigt der Druck auf andere. Das polizeiliche Vorgehen wird nur neue Probleme schaffen. Denn eines ist klar: je mehr die Freiräume eingeengt werden, umso grösser wird auch das Konfliktpotential. Ohne die Razzia in der Boschbar, wäre es auch nicht zu den Auseinandersetzungen an der Elisabethenstrasse gekommen. Denn ohne Widerstand lässt sich die Szene nicht jede Woche zwei Bars nehmen. Die Politik (und auch Medien) – da hat sich seit den 80er Jahren nichts geändert – berücksichtigen die Wünsche der Jugend immer erst dann, wenn an der Bahnhofstrasse die Scheiben klirren.



INTERVIEW MIT MARCO VON DER BOSCHBAR

Wie hat sich die Boschbar von kommerziellen Bars unterschieden?
Marco: Unser Ziel liegt darin, eine Plattform für Interpreten und Bands zu bieten, welche durch ihren kleineren Bekanntheitsgrad oder ihren musikalischen Eigensinn wenig Auftrittsmöglichkeiten in Zürich erhalten. Ein wesentlicher Unterschied besteht sicherlich auch darin, dass wir keinen Wert darauf legten, Profit und Gewinn mit der Bar zu machen. Jegliche Arbeit war stets unentgeltlich.

Kannst du die Razzia kurz beschreiben?
Gegen 23.30 Uhr outeten sich vier bis fünf in Zivil gekleidete Polizisten an der Bar und beschlagnahmten die Kasse. Gleichzeitig betraten mehrere Uniformierte den Raum und drängten das Publikum in den hinteren Teil des Raums. Nachdem diverse Gegenstände der Boschbar fotografiert worden waren, begannen die Uniformierten jeden einzelnen Besucher am Ausgang zu filzen, wobei der ganze Tascheninhalt genauestens überprüft wurde. Gleichzeitig wurde jeder und jede telefonisch nach allfälligen Delikten im Polizeicomputer abgefragt, ein Gast wurde dabei verhaftet. Obschon die Polizei den Durchsuchungen der Gäste keine nennenswerte Drogen fand, wurde der gesamte Raum erst mittels Drogenhund und anschliessend fein säuberlich von Hand nach Drogen durchsucht. Die Polizisten schienen sichtlich enttäuscht, nicht mehr gefunden zu haben. Gegen 1.00 Uhr zogen die 6 bis 7 Kastenwagen wieder ab.

Wie lautet die Verzeigung?
Verstoss gegen das Gastgewerbegesetz (Wirten ohne Patent), illegale Umnutzung des Raumes und Verstoss gegen feuerpolizeiliche Vorschriften. In einem (öffentlich zugänglichen) Raum mit nur einem Ausgang dürfen sich maximal 50 Personen aufhalten. Die Verzeigung wurde schliesslich an das Stadtrichteramt weitergeleitet welches die Höhe der Verzeigung aussprechen wird.
Bei der Einvernahme eines Mitgliedes der Boschbar zwei Tage später, musste dieser ein Dokument unterzeichnen, dass ihm bei Zuwiderhandlung der polizeilichen Auflagen Busse und Gefängnis drohe. Es würde sich dann nicht mehr um ein Vergehen sondern um ein schwerwiegendes Delikt handeln.

Was für Reaktionen habt ihr bekommen?
Die Entrüstung über die Geschehnisse und das unverhältnismässige Auftreten der Polizei schlagen zur Zeit hohe Wellen. Hilfszusagen und Solidaritätsbekundungen treten von allen Seiten der Szene an uns heran. Selbst die Polizei machte uns bei der Einvernahme Vorschläge mit wem Gespräche aufgenommen werden können, um weiterhin Veranstaltungen durchführen zu können. Jedoch fehlt auch ihnen die Antwort auf die Frage in welchen Räumlichkeiten!

Wie weiter?
Die Boschbar glaubt nach wie vor daran, dass ihr Programm einen wichtigen Teil der subkulturellen Szene ausmacht und wird sich von diesem Polizeischlag nicht zur Strecke bringen lassen. Wir werden in der nächsten Zeit «Bosch im Exil» machen und unser Programm an verschiedenen Orten weiterführen. Gleichzeitig machen wir uns Gedanken über neue Konzepte und Räumlichkeiten.

Fabrik Zeitung Nr. 212, Juni 2005