Diffuser Widerstand

Am Montagabend informierten SBB, Post und Stadträtin Kathrin Martelli rund 150 QuartierbewohnerInnen über den Gestaltungsplan zum Stadtraum HB, wie die neue Überbauung entlang statt auf den Geleisen beim Zürcher Hauptbahnhof nun heisst. Gegen das Projekt könnte sich Widerstand formieren.

Koni Loepfe
Um die 150 Personen waren ins Votkshaus gekommen, um sich über den Gestaltungsplan Stadtraum HB, zu informieren. Also über jenes neue Projekt, das anstelle von Eurogate die Räume im Besitz von SBB und Post entlang den Geleisen vom Hauptbahnhof bis zur Langstrasse überbauen will und das ganz anders als Eurogate sein soll, wie Hochbauvorsteherin Kathrin Martelli betonte.
Doch zunächst zu den BesucherInnen: 150 InteressentInnen sind an sich eine gute Besucherzahl. Sie wird indes etwas geschmälert, wenn man weiss, dass für die Veranstaltung bei der potenziellen Gegnerschaft mobilisiert worden war. Etliche kamen und ergriffen auch das Wort. Aus dem gestrigen Aufmarsch lässt sich noch nicht vorhersagen, ob sich der Widerstand organisieren kann und will. Anwesend waren auch die VertreterInnen der Quartiervereine, wobei der Quartiervereinspräsident 4, Max Künzig, namens seines Vorstandes tendenziell Zustimmung signalisierte. Dazu meldeten sich VertreterInnen der Architekturbranche, und ein paar sassen im Publikum, die als QuartierbewohnerInnen einfach aus Neugierde erschienen waren. Zusammenfassend kann man sagen: Die Veranstaltung interessierte in den beiden Quartieren, aber von brennendem Interesse kann man noch lange nicht sprechen.

Eckdaten
Urs Schlegel von den SBB, Andreas Brönnimann von der Post und Hochbauvorsteherin Kathrin Martelli stellten das Projekt mit seinen Eckdaten und Ideen vor. Die Dimension: 6000 bis 8000 neue Arbeitsplätze, Wohnungen für 800 bis 1200 BewohnerInnen, 690 Parkplätze plus 290 für die SBB-Angestellten. Die gesamte Nutzungsfläche beträgt um die 300’000 Quadratmeter, wobei höchstens 45’000 Quadratmeter für Verkauf und ähnliches vorgesehen sind. Diese Flächen müssen sich zudem auf die Erdgeschosse der geplanten Boulevards verteilen. Rund Zweidrittel sind für Büros eingeplant, wobei hier noch eine grosse Flexibilität für andere rentable Nutzungen vorhanden ist.
In der Bauhöhe halten sich die vorgesehenen Kuben, die im gegenwärtigen Stand der Planung erst platziert, aber noch nicht geformt sind, ans anschliessende Langstrassenquartier: Also an 22 Meter, wobei einzelne markante Gebäude bis zu 40 Meter hoch werden können. Die Erschliessung erfolgt durch eine Verlängerung der bestehenden Quartierstrassen und durch einen diagonalen Boulevard, der in erster Linie dem Langsamverkehr dient. Ganz für die FussgängerInnen und Velofahrenden ist die neue Passerelle über die Geleise auf der Höhe der Kanonengasse reserviert.
Wirklich neu – ausser dem Verzicht auf einen Bau über den Geleisen – ist im Vergleich zu Eurogate die Etappierung. Theoretisch (und eventuell auch praktisch) kann auch nur ein Teil der Überbauung vollendet werden. Einziges und nicht ganz unrelevantes Hindernis dabei: Die nötigen Infrastrukturen (Strassenraum und Plätze) müssen von jemandem berappt werden. Und das kann bei einer Teilüberbauung teuer werden.

Einheit des Gestaltungsplans
Aus den Voten vom Montagabend destillisierten sich drei Schwerpunkte der Kritik und des Widerstandes heraus. Die eine Richtung vertrat Eurogate-Architekt Ralph Baenziger. Er ist sicher, dass es über die ganze Überbauung einen Gestaltungsplan braucht und dass die Auftrennung in die Überbauung im Kreis 4, für die ein Gestaltungsplan erarbeitet wurde, und ein Überbauungsteil im Kreis 5, der im Rahmen der bestehenden Bauzonenordnung erstellt wird, nicht geht. Zudem wies Ralph Baenziger auf den Bahnhof Löwenstrasse hin, wo nochmals eine grosse Ladenfläche entsteht. Auch das gehöre in den Gestaltungsplan.
Stadträtin Kathrin Martelli widersprach vehement. Dieser und ähnliche Punkte könnten politisch und juristisch relevant werden, auch wenn sie sich für die öffentliche Auseinandersetzung wenig eignen.

Wohnungen her
Die klarste Stossrichtung zielte auf mehr und günstigere Wohnungen und weniger Büros. Wenn der Boden schon den SBB und der Post und damit indirekt der Öffentlichkeit gehöre, so solle man doch die Gelegenheit nutzen und dem Quartier geben, was es benötige. Mehr günstigen Wohnraum und weniger Büros, von denen in der Stadt sowieso schon viele leer stünden. Erst recht, wenn die Maagüberbauung noch dazu komme.
Urs Schlegel von den SBB meinte zwar, dass er für mehr Wohnungen durchaus offen sei. Was ein bisschen gelogen ist und ein bisschen der Wahrheit entspricht. Das Projekt hat mit Garantie beim Wohnraum noch etwas Luft. 100 Wohnungen mehr lassen sich bei entsprechendem politischem Druck sicherlich nachschieben. Entschieden mehr werden es aber nicht. Auch mit guten Gründen. Auf dem besterschlossenen Areal der Schweiz wäre Wohnpriorität kaum die sinnvollste Nutzung. Ehrlich war der SBB-Vertreter bei den Kosten: Er strebe eine normale Rendite für die SBB an, und die lasse sich mit sozialem Wohnungsbau nicht erzielen.
Ganz konkret ist der Widerstand der BewohnerInnen der Zollstrasse 119. Ihr Haus fiele dem Neubau zum Opfer, und sie gedenken nicht, sich sang- und klanglos vertreiben zu lassen.

Überrolltes Quartier
Einige SprecherInnen befürchteten, dass die neuen 10’000 täglichen NutzerInnen das bisherige Langstrassenviertel und damit die bisherigen BewohnerInnen des Quartiers überrollen werden.
Stadträtin Kathrin Martelli sieht diese Gefahr auch, sie ist aber nicht überzeugt von einer zwangsweisen Mechanik. Das Stadtlabor plant für den April und Mai Veranstaltungen zu dieser Thematik. Dabei spielen zwei Faktoren sicher eine grosse Rolle: Im Langstrassenviertel ist der Häuserbesitz sehr breit gestreut, was Vorhersagen schwer macht. Das Quartier ist zudem bereits sehr verspekuliert, viele Hausbesitzer sitzen auf einem unrealistischen Preis und das Quartier ist nicht so intakt, dass Druck von aussen nur Gutes vernichten würde. Zudem hat das Quartier eine sehr heterogene und schwer organisierbare Bevölkerung.
Die grösste Gefahr, zumindest so mein Eindruck vom Montagabend, «droht» dem Projekt derzeit von der wirtschaftlichen Seite. Noch fehlen der oder die Investoren. Und zumindest da ist die Parallele zu Eurogate wieder voll da.

PS Nr. 2, 20.1.2005