Die Weststrasse: Zürichs neuste Goldgrube!
Im Sommer 1971 verwandelte sich die Weststrasse, eine Wiediker Quartierstrasse, von einer Idylle in eine Hölle. Stündlich fuhren auf dem Teilstück der europäischen Nord-Süd-Achse 1000 Autos und 100 Lastwagen vorbei, über 20′000 Fahrzeuge tagtäglich. Als kleines Zückerchen wurde wenigstens auf einem Teilstück ein Nachtfahrverbot verhängt. Szenenwechsel zum Sommer 2012: Die Weststrasse wurde verkehrsberuhigt und eine Baumallee wird bald für viel Grün sorgen. Die Verkehrsberuhigung entlang der ehemaligen Westtangente ist Teil der flankierenden Massnahmen (FlaMas), welche der VCS bereits 1996 via Bundesgericht gegen den Regierungsrat durchgesetzt hat.
Ende gut, alles gut? Ja, aber nicht für alle. Denn ausgerechnet die Leute, welche jahrzehntelang den Lärm und Gestank ertragen mussten, werden kaum in den Genuss dieses Paradieses kommen. Natürlich sind viele Häuser in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden. Doch neben notwendigen Renovationen wird auch viel luxussaniert oder gleich abgebrochen. Bis Ende 2012 wird schätzungsweise die Hälfte aller Mietverhältnisse aufgelöst. Verkehrsberuhigt heisst in Zeiten der explodierenden Mietpreise auch eine gesteigerte Attraktivität für Immobilienspekulation. In seiner Antwort auf eine dringliche schriftliche Anfrage der SP-Fraktion zur Entwicklung an der Weststrasse musste der Stadtrat Ende März 2011 zugeben, dass der Immobilienboom an der Weststrasse seit jenem Bundesgerichtsurteil absehbar war. Ebenfalls FlaMas auf dem Wohnungsmarkt zu ergreifen, hat die Stadt verpasst.
Die städtische Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen, kurz PWG, hatte immerhin versucht, Liegenschaften zu erwerben, doch die Preise waren für die gemeinnützige Stiftung viel zu hoch. In den meisten verkauften Liegenschaften entstehen nun stattdessen Eigentumswohnungen, was die Preise massiv in die Höhe treibt. Die Marc Property & Investments AG z.B. verlangt nach dem Umbau eines Geschäftshauses (Stationsstrasse 17) in Eigentumswohnungen Preise von 960′000 Fr. (Parterre, 63 m2) bis 2,9 Mio. Fr. (Attika, 194m2). Karl Kollmann von der Firma Marc Property hofft, die Weststrasse werde «zu einer Art 2. Löwenstrasse» mit Schwergewicht auf Wohnungen (NZZ 1.10.2010).
Die letzte Aktion der Stadt: Die Hausbesitzer an der Weststrasse erhielten am 15. Juli 2010 einen Brief von Brigitte Schindler-Wehrli, Direktorin der Abteilung für Stadtentwicklung, mit einem Appell an die «Menschlichkeit der Vermieter». Die Stadt würde eine sorgfältige Quartiererneuerung begrüssen. Sie wünsche, dass ein Teil der günstigen Wohnungen und Ladenflächen erhalten bleibe und bitte um «möglichst sozialverträgliche Kündigungen».
Unsere Stadtexekutive hätte weit mehr Möglichkeiten, als fromme Wünsche und gutgemeinte Ratschläge an die Immobilienbesitzer zu richten. Sie soll eine aktive Boden- und Häuserpolitik betreiben. Wir fordern für künftige Aufwertungsgebiete konkrete FlaMas für MieterInnen schon vor Anbeginn eines absehbaren Immobilienpreisbooms. Weiter sollen Stadt und Kanton die LiegenschaftsbesitzerInnen überzeugen, ihre Häuser an Genossenschaften zu verkaufen. Und schliesslich muss die Stadt endlich selber auf im Immobilienmarkt mitmischen. Denn am 27. November 2011 forderten drei Viertel der Abstimmenden in Zürich, dass bis 2050 ein Drittel des Zürcher Mietwohnungsbestandes in gemeinnützigem Besitz sein soll. Also los!
Flugblatt zur Protestaktion an der Weststrasse, 24. Mai 2012 (hier die PDF-Version).
Galerie mit Fotos zur Aktion
