Die Welt im Tulpenbeet

Seit 1968 haben sich in Zürich Zehntausende für neue Wohnformen und eine lebenswerte Stadt eingesetzt. Ein umfassendes Nachschlagewerk widmet sich dem vielfältigen Handeln dieser Menschen.

Yves Kramer
Der Demoruf «Wo-Wo-Wonige!» müsste in den Strassen Zürichs eigentlich ein Dauerbrenner sein. Mangel an Wohnraum ist in der Limmatstadt seit der Nachkriegszeit ein ständiges Problem, das auch heutzutage nicht gelöst ist. Wer in letzter Zeit in Zürich eine Wohnung suchte, wird davon ein Lied singen können. Doch trotz des ausgetrockneten Wohnungsmarkts bleibt es auf den Strassen ruhig. Anders im Jahr 1989: Damals trat eine neue Bewegung lautstark gegen die Wohnungsnot an und veranstaltete die sogenannten «Aufläufe gegen die Speckis (Spekulanten)». Der Ruf nach «Wo-Wo-Wonige!» war allgegenwärtig, und eine Welle von Hausbesetzungen erfasste die Stadt. In diese bewegte Zeit fiel auch Zürichs bisher grösste Wohnungsnotdemonstration, an der gegen 3000 Personen teilnahmen.
Nun taucht der Slogan «Wo-Wo-Wonige!» wieder auf, allerdings nicht auf der Strasse, sondern auf einem Buchdeckel. Der Zürcher Historiker Thomas Stahel verwendet ihn als Titel für seine umfangreiche Studie zu den «stadt- und wohnpolitischen Bewegungen in Zürich nach 1968». Stahel, der selbst einige stadtpolitische Kampagnen der letzten Jahre mitgeprägt hat und unter anderem für die Veranstaltungsplattform stadt.labor aktiv ist, hat jahrelang in akribischer Kleinarbeit weit verstreutes Quellenmaterial aus verschiedenen Archiven und Dachlauben zusammengetragen und analysiert. Dies war nötig, denn Stahels Thema ist ein bisher kaum erforschter Aspekt der Schweizer Sozialgeschichte. Schade ist, dass Stahel für seine Arbeit auf Interviews verzichtet hat. Sie hätten das Bild seiner Studie da und dort noch abrunden können.

Raus aus der Kleinfamilie
Das Buch, dem die Dissertation von Stahel zugrunde liegt, ist in drei Teile gegliedert und so konzipiert, dass man jedes Kapitel auch einzeln lesen kann. Von Jonas Vögeli schön gestaltet, lädt der Band mit seinen mehr als 250 Bildern förmlich zum Stöbern ein. Nachlesen kann man im ersten Abschnitt unter anderem die Geschichte der Zürcher Wohn- und Stadtpolitik seit 1945. Zudem erörtert Stahel, wie sich im Laufe der Zeit die Vorstellungen, wie man in der Schweiz zu wohnen hat, veränderten, und zeichnet einige Diskussionsstränge rund um Fragen der Stadtentwicklung nach. Leider reicht hier die Darstellung nicht ganz bis in die Gegenwart.
Der zweite Teil befasst sich mit alternativen Wohnvorstellungen. Im Zuge der 68er-Bewegung geriet die bürgerliche Kleinfamilie in die Kritik, Wohngemeinschaften wurden hip. Doch Vorurteile gegenüber WGs hielten sich noch lange. Eine Aussage aus dem Jahr 1980 vom städtischen Liegenschaftenverwalter Hans Erne steht stellvertretend dafür: «Wir müssen zugeben, dass die WGs auf dem Wohnungsmarkt Schwierigkeiten haben. Aber wir sind nicht dazu da, Leute mit Wohnungen zu versorgen, die zu faul zum Arbeiten sind.»
Das wohl radikalste Experiment kollektiven Wohnens war die «Mobile Kommune» Ende der siebziger Jahre. Das Leben in dieser Kommune war von Drogen, Musik, freier Sexualität und Politik geprägt. Die Zweierbeziehung galt als «Basis allen Übels». Um feste Beziehungen zu verhindern, mussten die Mitglieder der Kommune alle drei Monate die Stadt wechseln. Um die Fragen von Autonomie und Selbstversorgung dreht sich dagegen die Stadtutopie «bolo’bolo» des Zürcher Aktivisten und Autors p.m. Stahel erläutert sie kurz und stellt von «bolo’bolo» beeinflusste Wohnprojekte wie Karthago und Kraftwerk1 vor.
Im ausführlichsten Teil des Buchs stehen die Strategien der Bewegten im Mittelpunkt: Unterschriften sammeln, Rekurse schreiben, Genossenschaften gründen, Häuser besetzen oder gar Anschläge verüben – so verschieden die Menschen waren, die sich für eine andere Stadtentwicklung stark machten, so unterschiedlich waren ihre Mittel.

Pragmatische Quartieransätze
Während sich die SP in den neunziger Jahren mit ihrer Hinwendung zu einer «zunehmend marktorientierten Stadtentwicklung» aus den stadt- und wohnpolitischen Bewegungen verabschiedete, blieb der MieterInnenverband (MV) über all die Jahre hinweg einer ihrer beständigsten Teile. Mit dem MV hätten die MieterInnen, so Stahel, eine starke Lobby, welche in mietpolitischen Debatten dem Hauseigentümerverband durchaus ebenbürtig sei.
Weniger erfolgreich war dagegen die Quartierarbeit der revolutionären Gruppen der frühen siebziger Jahre. Die KlassenkämpferInnen blieben in den Quartieren weitgehend wirkungslos. Ein paar Jahre später wurden sie durch pragmatischere Quartierinitiativen abgelöst. Diese scheiterten umgekehrt oft an ihren begrenzten Perspektiven: «Der Blick verengt sich auf das eigene Tulpenbeet[0]: Unser Quartier ist die Welt, jenseits der Grenzen beginnt die Wüste.»
Selten erfolgreich waren auch MieterInnenproteste, obwohl sie zu den populärsten Aktionsformen gehörten. Die Logik des Wohnungsmarkts und wenig griffige Gesetze sind die Gründe dafür. So konnte seit 1968 praktisch kein privates Neubauprojekt verhindert werden. Doch Stahel betont: Der Erfolg von Widerstand kann nicht alleine daran gemessen werden, ob am Ende die Bagger auffahren. Denn immer wieder entstanden in solchen Auseinandersetzungen auch Experimente alternativer Lebensweisen, die viele Menschen weit über den Moment hinaus prägten.
Solches geschieht auch in besetzten Häusern immer wieder. In Zürich verlief die Geschichte der Hausbesetzungen wellenförmig. Waren soziale Bewegungen insgesamt stark, wurden auch mehr Häuser besetzt. Mit der Räumung des Wohlgroth-Areals Ende 1993 endete die «Blütezeit des Häuserkampfs». Während die Wohlgroth als Postkartensujet weiterlebt, verlor die HausbesetzerInnenszene in den letzten Jahren an politischer Bedeutung. Die BesetzerInnen betreiben zumeist ihre Nischen und sind vor allem für die kulturelle Vielfalt der Stadt wichtig. Der Grat zwischen Subkultur und Ausverkauf sei schmal gewordenen, stellt Stahel fest.

Widersprüchliche Bilanz
Insgesamt zieht Stahel eine widersprüchliche Bilanz. Das Verhältnis von Aufwand und (konkretem) Ertrag stimmte nur in den seltensten Fällen. Dennoch gilt: Vielfältige Aktionsformen machen eine Bewegung unberechenbar. Und die Vielfalt in den Aktionen und unter den AkteurInnen ist ein Erfolgsrezept – das in Zürich allerdings viel zu wenig angewendet wurde. Dass Zürich heute aber zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität gehört, schreibt Stahel auch dem Einsatz vieler tausend AktivistInnen zu. Zudem entstammten aus diesem Umfeld einige der innovativsten Wohnprojekte Zürichs. Neben dem Karthago und Kraftwerk1 nennt Stahel auch die Genossenschaft Dreieck im Kreis 4.
Doch die Erfolge haben auch ihre Schattenseiten: «Es sind genau die von den stadt- und wohnpolitischen Bewegungen initiierten Entwicklungen, welche heute von den Behörden für das Standortmarketing benutzt werden und gleichzeitig zu einer Verdrängung von Freiräumen und ökonomisch schwachen Menschen führen.»
Das Buch schrieb Stahel mit einer «grossen Portion Sympathie» für die ProtagonistInnen seiner Studie. Diese Nähe zur untersuchten Szene birgt Gefahren. Doch Stahel analysiert sorgfältig und umsichtig, den kritischen Blick aufs Geschehen verliert er nie. Verklärende Lobeshymnen sind glücklicherweise nicht seine Sache. Dieser Mix aus Mitgefühl und Kritik macht das Buch nicht nur zu einem attraktiven Bewegungsbuch, sondern auch zu einer einfach zu lesenden Studie mit hohem analytischem Wert. Die Lektüre regt an, selbst wieder mal aus den eigenen vier Wänden zu treten – und zwar voller Tatendrang.