Die «Villen Kunterbunt» von Zürich
Auf einer Rundfahrt hat das stadt.labor drei alternative Wohnprojekte aus der Stadt vorgestellt. Eines davon ist die besetzte Halle in Wiedikon, wo zurzeit rund 40 Personen leben.
David Torcasso
Graffiti, Werkbänke, löchrige Sofas, Autoreifen, ein Wald von Pflanzen, unzählige Tücher, Stahlkonstruktionen, die an eine grosse Spinne erinnern, ja sogar drei ausrangierte Traktoren stehen in der «Wohnung» der 40 Hausbesetzer, die sich an der Uetlibergstrasse 113 eingenistet haben.
Die alternative Bewegung stadt.labor ermöglichte am Donnerstag interessierten Personen einen Blick in private Räume spezieller Wohngemeinschaften. Das stadt.labor ist eine Plattform, welche Zürichs Städteentwicklung kritisch analysiert. Einzige Voraussetzung für die Teilnahme: ein Velo. Erste Station der Tour waren die besetzten Hallen in der Wiediker Binz.
Raum für kreative Entfaltung
Dort leben seit über einem Jahr rund 40 Bewohner. Neben Schlafmöglichkeiten sind in dieser Zeit auch einige Werkstätten, eine Bibliothek, ein Frauenbüro, eine Siebdruckerei, ein Gratisladen sowie ein Theater- und Konzertraum entstanden. Der Drang, in den Hallen eigene Ideen umzusetzen, ist gross: Ob Theaterprojekte, Foto- und Filmarbeiten, Maturaarbeiten oder das Bedrucken von T-Shirts und Plakaten mit politischen Botschaften – die Tätigkeiten in der Binz sind vielfältig. «Ich könnte nie einen normalen Mietvertrag unterschreiben, weil mich das einschränken würde. Hier fühle ich mich frei, und das überträgt sich auf mein Denken, meine Tätigkeit, einfach alles», sagt einer der Bewohner, repräsentativ für viele.
Vielleicht ist das kreative Schaffen aber bald zu Ende. Die Stadt möchte in den Hallen das Freestylepark-Provisorium unterbringen. Dieses Provisorium soll Skatern, BMX-lern und Breakdancern eine Übergangslösung bis zum Bau einer Anlage in der Allmend bieten. Bewohnerin Brigitte meint: «Ich will gar nicht an eine Vertreibung von hier denken. Wir arbeiten und bauen jedenfalls bis zum letzten Tag weiter.» Oder wie im eigens produzierten Heft der Uetlibergstrasse 113 steht: Binz bleibt Binz.
Lösung: Das Haus gleich selber kaufen
Nach der Führung schwingt sich die Gruppe wieder auf ihre Drahtesel. Die zweite Station des Rundgangs ist die «Wohngenossenschaft Hohlraum» an der Hohlstrasse 149. Im Garten des frisch renovierten Hauses informiert Miriam Uster über die Entstehung des Wohnprojektes. «Das Haus war beim Einzug 1995 völlig verwahrlost. Im Laufe der Jahre haben die Bewohner selber angefangen zu bauen und die Räume in Beschlag genommen», sagt sie. Das Haus sei aber nie besetzt worden, sondern es wurde immer Miete bezahlt, ergänzt Miriam. Ende 1999 plante der Besitzer ein Neubauprojekt. Die Bewohner wehrten sich lange gegen den Abriss ihres liebgewonnenen Hauses. Der Besitzer änderte darauf sein Vorhaben und bot ihnen das Haus zum Kauf an. Diese beschafften sich das Eigenkapital für die Hypothek bei Bekannten sowie beim Verband für Wohnungswesen und kauften schliesslich im Februar 2006 das Haus.
Inzwischen wohnen 26 Leute in der Gross-WG an der Hohlstrasse. Sie sind Mitglied in der «Genossenschaft Hohlraum» und zahlen alle Zinsen. In der Küche mit moderner Miele-Ausstattung wird gerade gekocht, andere schauen fern oder sitzen vor dem Computer. So bunt durchmischt wie die Leute sind auch die Zimmer – einige sind neu gestrichen, bei anderen bröckelt der Verputz. Die Tour führt weiter durch den Kreis 3, vorbei am neuen Letzigrund bis zum Labitzke-Areal in Altstetten. Dort leben acht Personen in einer ehemaligen Fabrikhalle, einer Art «offener Loft». Für die bessere Entfaltung des Gesamtraumes verzichten die Bewohner auf separate Zimmer. Was für viele unvorstellbar ist, bedeutet für sie Lebensqualität. «In früheren WGs traf man sich am Abend in der kleinen Küche und ging schliesslich spät ins grosse Schlafzimmer zum Pennen. Wir machen es genau umgekehrt», bringt ein Bewohner das Wohngefühl auf den Punkt. Ob die Projekte nur aus einer antikapitalistischen Haltung heraus, dem Willen, sich nicht vertreiben zu lassen, oder auf Grund ökonomischer Überlegungen entstanden sind, sei dahingestellt. Der Einblick in die drei Wohnprojekte zeigt jedenfalls neue Ideen, wie man auch zusammenleben könnte.
Tages-Anzeiger, 26.5.2007
