Der Kreis 5 wird bei jungen Reichen immer beliebter
An einer Veranstaltung über die Entwicklung des Kreises 5 wurde klar: Das Quartier ist heute bei wohlhabenden jungen Leuten enorm im Trend. Früher war das ziemlich anders.
Nicole Trossmann
Das Interesse am Kreis 5 ist gross. Als die Veranstaltung beginnt – es ist die sechste in einer Reihe zur Stadtentwicklung -, ist das Cabaret Voltaire im Niederdorf bis auf den letzten Platz besetzt. SP-Stadtparteipräsident Koni Löpfe begrüsst im Namen der Veranstalter das Publikum und übergibt das Wort dann dem ersten Referenten, dem Journalisten und Filmer Hans Haldimann. Er zeigt Ausschnitte auseinem Film von ihm und der Regisseurin Marianne Pletscher. Seit den späten Achtzigern dokumentieren die beiden die Geschichte des Kreises 5. Über dem Quartier brauten sich zu dieser Zeit dunkle Wolken zusammen.
Wohlgroth: «S Herz vom Foifi»
Damals ging die Angst um unter den Anwohnern – ein gigantisches Projekt drohte: der HB Südwest. Man fürchtete, Fabriken und Wohnungen würden von massigen Büroblöcken verdrängt. Im Film kommen Zeitzeugen zu Wort; Quartierbewohner, die ihre Wohnungen verlassen mussten, ehemalige Fabrikbesitzer, Hausbesetzer. Die geplanten Bürogebäude kamen im Kreis 5 nicht zu Stande – sie wurden in der Agglomeration, in der Flughafenregion und im Limmattal gebaut -, und junge Kreative begannen, die leeren Häuser des Quartiers zu besetzen. Bei den Bildern der alten Wohlgroth breitet sich betroffenes Schweigen im das Publikum aus, die farbigen Wände wecken Erinnerungen. «D Wohlgroth isch doch s Herz vom Foifi», sagt eine Besetzerin verzweifelt, und in der nächsten Szene schon steht ein blaues Heer bewaffneter Polizisten vor dem Haus, zwingt zur Räumung, bevor die ersten Abrissbirnen das bunte Gemäuer durchschlagen und die Wohlgroth dem Erdboden gleichmachen.
Schicke Neubauten in «Yuppietown»
Die vorgesehene Grossüberbauung verzögerte sich, und schliesslich wurde das Projekt auf Eis gelegt. Der Film zeigt: Viele Bewohner hätten bleiben können, «doch», sagt die Stimme aus dem Off, «wer dachte damals schon daran, sich zu wehren?»
Nach dem Film stellt der Soziogeograf Heiri Leuthold seine Forschungsergebnisse vor. Die befürchtete Verdrängung der Wohnungen durch die grossen Bürokomplexe und damit die Verödung des Kreises 5 habe nicht stattgefunden: Noch immer gebe es dort zahlreiche Wohnungen. Auch die prophezeite «Verslummung der Innenstadt» durch sozial tief Stehende wie Arbeitslose oder Drogenabhängige trat nicht ein – im Gegenteil: Der Kreis 5 mauserte sich zum Trendquartier, «Yuppietown» nennt es Leuthold. Schicke Neubauten entstanden, die Mieten stiegen, ein Hauch Luxus zog in das frühere Fabrikquartier ein. Der Mittelstand, der aus der Stadt geflohen war und sich im Grün der Agglomeration niedergelassen hatte, entdeckte die Stadt von neuem. Leuthold spricht von einem landesweit zu beobachtenden Trend der «Aufwertung der Innenstädte». Die anschliessende Diskussion zeigt, wie uneins sich das Publikum über die Zukunft des Quartiers ist. Einer äussert seine «Angst, dass Zürich Nord zu den Banlieues der Schweiz werde», eine andere fürchtet, dass bald nur noch «Reiche und Schöne» das Trendquartier bevölkern, und ein Dritter versteht diese Schwarzmalerei nicht, der Kreis 5 sei doch «ein wunderbares Quartier». Sämtliche Voraussagen jedenfalls sind mit Vorsicht zu geniessen – hat sich doch auch die schwarze Prognose der späten Achtziger nicht bewahrheitet. Klar ist jedenfalls: Am Kreis 5 scheiden sich die Geister.
Tages-Anzeiger, 9.12.2006
