Eine kleine Vorhut checkt die Lage, dann kommt der Rest mit Masken und Perücken: Protestierer mobilisieren gegen Mietwucher und verwandeln Wohnungsbesichtigungen in Partys mit Musik und Polonaisen. SPIEGEL ONLINE war bei einer Fette-Mieten-Fete in Hamburgs Schanzenviertel dabei.

Christoph Twickel
Die Protestierer treffen sich standesgemäß: vor der Kneipe “Fritz Bauch”, einer altehrwürdigen Linkskaschemme im Hamburger Schanzenviertel. “Wir haben diesmal eine sehr kleine Wohnung, aber dafür eine sehr teure”, kündigt Jonas, 31 Jahre, den Umstehenden an. Dann erläutert er das Vorgehen: Eine kleine Vorhut checkt die Lage, wenn die Luft rein ist, kommen die anderen hinterher. Sobald die Musik läuft, ziehen alle ihre Masken und Perücken auf, und los geht sie, die “Fette-Mieten-Party”.
Die Zeiten, in denen sich Deutschlands Wohnungssuchende brav in die Schlange stellen, sind vorbei. Heute müssen Deutschlands Immobilienmakler mit ungebetenem Besuch rechnen. In Berlin rufen Aktivisten zu “hedonistischen Wohnungsbesichtigungs-Rallys” auf, und die Hamburger “Fette-Mieten-Party” ist schon die vierte in diesem Jahr. Erfunden hat die neue Protestform das Kollektiv “Jeudi Noir” aus Paris vor gut fünf Jahren. Um auf die untragbare Mietensituation in der französischen Hauptstadt aufmerksam zu machen, stürmten sie mit Sekt, Konfetti und “musique funk” Wohnungen und Maklerbüros.

Papp-Sprechblasen und Plastikkelche
Die Hamburger Aktivisten besuchen dieses Mal eine “top sanierte, gemütliche 2-Zimmer-Wohnung”, einen Steinwurf von der Ausgehmeile des Szenestadtteils Schanzenviertel entfernt. Holzdielen, Badewanne, die Einbauküche in weiß – ein Träumchen. Der einzige Nachteil: 47 Quadratmeter kosten 723 Euro warm, also 15,38 Euro pro Quadratmeter.
Über 700 Euro für zwei kleine Zimmer mit winziger Küche und Bad? Johanna, 21 Jahre, ist das eigentlich zu teuer. Gekommen ist sie trotzdem. Die Jurastudentin, die wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, weiß nach einigen Monaten der Suche: Darunter ist nichts zu haben. “Wenn man mal was Günstigeres in der Zeitung sieht, dann steht da beim Besichtigungstermin schon eine hundert Meter lange Schlange”, ruft sie, während um sie herum schon die “Fette-Mieten-Party” tobt. Zu dem Song “Our House” von Madness ziehen die rund 30 Protestler in einer Polonaise durch das schnuckelige Schanzen-Appartement. Sie trinken Sekt aus Plastikkelchen, schwenken Papp-Sprechblasen und Fächer auf denen “Systemfehler”, “Hände hoch! Haus her!” oder “Arbeit ist die halbe Miete” steht.
Tatsächlich geben die Hamburger laut Angaben des Mietervereins e.V. mittlerweile 36 bis 45 Prozent ihres Monatseinkommens für die Miete aus – der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 25,5 Prozent. “Wir wollen vor allem Öffentlichkeit schaffen”, sagt Jonas, der zusammen mit andere Aktivisten aus der Hamburger “Recht auf Stadt”-Bewegung seit April die Wohnungsbesichtigungs-Flashmobs organisiert. “Wir brauchen eine Wohnungspolitik, die sich an den Interessen der Mieter orientiert – und nicht an Profitinteressen.”

“Ich schließ’ mich den Demonstranten an!”
Zu dem Termin taucht fast ausschließlich weißer, deutscher Mittelstand auf. Alle anderen bleiben bei solchen Mieten ohnehin gleich zu Hause. Bei den Wohnungssuchenden, die gleich an der Tür mit Flugblättern versorgt werden, kommt die Aktion gut an. Denn selbst den ordentlich gekleideten Studenten und den Eltern, die für ihre Sprösslinge etwas suchen, geht’s hier preislich ein bisschen zu weit. “Ich schließ’ mich den Demonstranten an!” verkündet eine Dame aus Itzehoe, als sie erfährt, dass sich Kaution und Maklergebühr auf mehr als 4000 Euro summieren. Ihre Tochter und deren Freundin, die in Hamburg studieren und sich das Appartement teilen würden, stehen etwas verlegen daneben.
Der Vater der Freundin schimpft: “In Osnabrück hatte meine Tochter 40 Quadratmeter für 350 Euro! Inklusive!” Aber Itzehoe und Osnabrück sind eben nicht Hamburg. Und das Schanzenviertel ist gefragt. “Alle Geschäfte des täglichen Bedarfs sowie die öffentlichen Verkehrsmittel, zahlreiche Kneipen und Restaurants liegen in unmittelbarer, fußläufiger Umgebung – Schanze eben!” – so wirbt das Maklerbüro auf Immonet für das Appartement.
Nach einer Viertelstunde ist die Party vorbei. Die Protestierer stapfen johlend das Treppenhaus hinab, nur Papierschlangen und Konfetti bleiben auf den frischversiegelten Dielen zurück. “Bei uns gibt’s keine Sachbeschädigung, da schwappt höchstens mal ein bisschen Sekt über”, sagt Jonas, der Sprecher der Gruppe. “Wir machen die Aktion bewusst so, dass sich jeder anschließen kann. Wir versuchen ja, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.”

Der Makler ist verdattert
Unten auf der Straße gibt’s noch ein Gruppenfoto für die Journalisten. Und der verdatterte Makler muss sich unangenehmer Fragen erwehren: Nein, für die Mietpreise sei nicht die Immobilienagentur verantwortlich. Das sei Sache des Vermieters. Ob er Verständnis für die Aktion hat? “Na ja, ich verstehe das schon”, sagt er leise. Aber dann verschwindet er doch mal auf die andere Straßenseite, um in Ruhe zu telefonieren.
Fünf Minuten später biegt ein grüner Mannschaftswagen um die Ecke. Heraus stürzt ein Dutzend Polizisten und läuft auf die Protestierer zu, die schon wieder Richtung “Fritz Bauch” schlendern. Einige von ihnen beginnen zu laufen, da werden die Beamten ungnädig. Sie versperren der Gruppe den Weg. Als einer sich abzusetzen versucht, klicken sogar Handschellen. Der Vorwurf? “Bei der Wohnungsbesichtigung soll es ruckelig geworden sein”, erklärt der Einsatzleiter. Zwei Anwälte, die die Aktion begleitet haben, widersprechen: “Das ist ja nun kein Straftatbestand. Bei Wohnungsbesichtigungen wird’s eben manchmal eng.” Nach fünf Minuten Wortgefecht und Personalienaufnahme kommt der Mann wieder frei. Die Polizisten ziehen ab, sie bekommen ein “Lernen Sie erst mal Bürgerrechte!” hinterhergerufen.

Personalien für die Gentrifizierungsgegner-Datei
Die Polizeiaktion ist möglicherweise nicht ganz zufällig etwas überdimensioniert ausgefallen. “Mittlerweile gibt es beim Hamburger Staatsschutz eine ‘AG Gentrification’”, erklärt Marc Meyer, Anwalt bei Mieter Helfen Mietern. “Und die freuen sich natürlich, wenn sie Personendaten bekommen.”
Demnächst wird die Polizei wohl ein unvermietetes Bürohaus vor den Sektkorken der Gentrifizierungsgegner schützen. Auf der “Fette-Mieten-Party” kursiert ein Flugblatt, das für den 16. Oktober zur “öffentlichen Besichtigung” des Astra-Turms auf St. Pauli aufruft. Das 18-stöckige Gebäude ist 2007 fertiggestellt worden und steht seither größtenteils leer – wie circa 1,2 Millionen Quadratmeter Büroflächen in Hamburg. Man werde “gemeinsam vor Ort nach Nutzungsmöglichkeiten suchen und deren Umsetzung angehen”, heißt es in dem Flugblatt. Den Umnutzungsvorschlag trägt die Initiative, die zu der Begehung aufruft, schon im Namen: Sie nennt sich “Ruckzuck die Wohnungsfrage lösen”.

Spiegel Online, 31.8.2010

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