Budapest reisst seine Geschichte nieder

Immobilienspekulanten haben das alte jüdische Quartier der ungarischen Hauptstadt entdeckt, die historischen Häuser fallen der Spitzhacke zum Opfer. Denkmalschützer stehen auf verlorenem Posten.

Bernhard Odehnal
Nun haben sie es also doch getan. Orsolya Egri steht in der Dob utca (Dobgasse), mitten im alten jüdischen Quartier von Budapest, und starrt in ein Erdloch. Es ist noch nicht so lange her, dass an dieser Stelle ein schmuckes zweistöckiges Haus mit klassizistischer Fassade und schmiedeeisernen Laubengängen stand und die junge Ungarin gegen dessen Abriss demonstrierte. Vergeblich. Die Bagger zerstörten nicht nur die alten Gemäuer, sondern auch gleich den Garten des angrenzenden Kindergartens. Aus dem Loch lässt jetzt eine Immobilienfirma namens «Royal Bau» ein neues Wohnhaus wachsen, sieben Stockwerke hoch und zwei tief – für die Garage. Das alte Haus hätte saniert werden können, glaubt Egri, «aber es war grösseren Projekten im Wege».
Gleich um die Ecke, in der Holló utca, steht eines dieser grossen Projekte schon vor der Fertigstellung. Eine ganze Häuserzeile samt Innenhöfen wurde dafür weggerissen, darunter das Jugendstilhaus eines jüdischen Goldschmieds. Jetzt stehen hier Wohnburgen, wie man sie sonst nur am äussersten Stadtrand sieht: glatte Fassaden, Fenster mit Plastikrahmen, pastellfarbener Verputz. Wo früher kleine Läden, Beizen und Bäckereien das Strassenbild prägten, glänzen heute die grauen Aluminiumtore der Garageneinfahrten.
Zwölf alte Wohnhäuser des Quartiers fielen in den letzten Jahren der Spitzhacke zum Opfer, 20 weitere Objekte sind gefährdet und wären wahrscheinlich auch schon längst abgerissen, hätte nicht eine Bürgerbewegung Alarm geschlagen. Die Gruppe Ovas wurde vor zwei Jahren gegründet, der Name bedeutet einerseits «Schutz», anderseits «Warnung». Die Budapester sollen wachgerüttelt werden, dass gerade ein wichtiger Teil ihrer Geschichte vernichtet werde, sagt Egri. Ihre Vorfahren stammen aus dem Quartier, ihr Grossvater hatte eine Werkstätte in einem Haus, das es heute auch nicht mehr gibt.
Die quirlige 37-Jährige führt hauptberuflich ein trendiges Café in einer ehemaligen Busstation, und wenn sie Zeit hat, führt sie Gäste durch das bedrohte Quartier, zeigt ihnen Parkplätze, die vor nicht allzu langer Zeit noch pittoreske Innenhöfe waren, oder die verfallene Rumbach-Synagoge, erbaut vom Wiener Jugendstil-Architekten Otto Wagner, für deren Restauration niemand zahlen will. Geld ist nur für neue Bauten da, aber das nicht zu knapp. «Es ist wie im Wilden Westen hier», findet Orsolya Egri: «Ein echter Goldrausch.»

Wo Theodor Herzl aufwuchs
Dabei hat sich gerade in den Abbruchhäusern in den vergangenen Jahren eine bunte, alternative Kulturszene entwickelt. In verfallenen Hinterhöfen entstanden Bars, Klubs, Kleinbühnen und Kaffeehäuser, mit spartanischen Einrichtungen, aber drahtlosem Internetzugang. Ihre Gründer und Besitzer sind junge Budapester Juden, deren Vorfahren schon im Quartier lebten und die an die kulturellen Traditionen des vergangenen Jahrhunderts anknüpfen wollen. Als der 26-jährige Adam Schönberger mit Freunden im vergangenen Herbst ein verfallenes Haus in der Kiralygasse besetzte, wusste er nicht, ob sie die Polizei am nächsten Tag wieder rauswerfen würde.
Die Polizei kam nicht, und das Kulturzentrum «Siraly» (Möwe) ist zu einem der populärsten Plätze des Quartiers geworden. Rundherum aber bleibt kein Stein auf dem anderen. Bei jedem Spaziergang entdeckt Schönberger neue Baugruben. Viel sei für immer verloren: «Die Holló utca war einmal die schönste Gasse des Quartiers.»
Ende des 19. Jahrhunderts lebten rund 200’000 Juden in Budapest, ein Zehntel von ihnen in dem Viereck zwischen innerem und äusserem Ring, der heutigen Rakoczi-Strasse im Süden und der Andrassy ut, Budapests Prachtboulevard, im Norden. Hier gab es orthodoxe und reformierte Gemeinden, jüdische Theater, jüdische Schulen. Hier wuchsen die Gründer der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl und Max Nordau, auf. In der Dohanygasse wurde Europas grösste Synagoge errichtet.
1944 machten die Nazis aus dem Quartier ein echtes Getto und pferchten alle Juden der Stadt hinein. Bevor die Rote Armee im Januar 1945 die Stadt befreite, wurden von hier aus 70 000 Menschen in die Vernichtungslager deportiert. 100’000 Juden konnten in Budapest jedoch überleben, weil der schwedische Diplomat Raul Wallenberg und der Schweizer Vizekonsul Carl Lutz Schutzpässe ausstellten und Häuser zu exterritorialen Zonen erklärten. Lutz erhielt 1991 beim Eingang zum ehemaligen Getto ein Denkmal.
Nach dem Krieg liessen die Kommunisten das Quartier langsam verfallen. Die Zerstörung blieb schliesslich dem Kapitalismus vorbehalten. Neben alternativen Künstlern haben in den letzten Jahren Immobilienfirmen den Reiz und die Möglichkeiten des Quartiers entdeckt. «Great location!», schwärmt etwa Ehud Amir, CEO des israelisch-ungarischen Konzerns Autokér, von der Nähe zum Stadtzentrum, von der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr und vor allem: von dieser Atmosphäre! Autokér hat entlang der Kiraly utca Neubauten errichtet, die sich nicht gerade harmonisch an die Umgebung anpassen. Nun wird zum ersten Mal saniert: Der Gozsdu-Hof wurde im 19. Jahrhundert von einem rumänischen Mäzen errichtet, sein Umbau ist heute die grösste Baustelle im Quartier. In den sechs Innenhöfen entstehen 240 Wohnungen, die um 700’000 bis 900’000 Forint (4500 bis 5700 Franken) pro Quadratmeter verkauft werden – ein selbst für den boomenden Immobilienmarkt Budapests beachtlicher Preis.
Mit ihrer Grösse und ihrem Preis sind die Wohnungen eindeutig nicht auf die Bedürfnisse des heimischen Marktes zugeschnitten. Vor allem Investmentfonds aus England und Irland zeigen Interesse. Für die sei der Kaufpreis «Peanuts», meint Amir: «Und sie erwarten eine enorme Wertsteigerung.» Im vergangenen Jahr stiegen die Immobilienpreise um bis zu 100 Prozent, der Trend geht weiter steil nach oben. Wer heute eine Wohnung kauft, wird mit dem Vermieten deshalb eher noch warten. Viele Neubauten im Quartier würden leer stehen, sagen die Leute von Ovas. Dennoch ist kein Ende des Baubooms in Sicht. In der Kiraly-Strasse baut die spanische «Fadesa» einen Palast aus Beton und Glas mit 270 Wohneinheiten, den Zsuzsa Sajti vom ungarischen Denkmalamt als «riesig, sonst nichts» bezeichnet. «Wir arbeiten daran, dass so etwas nie wieder genehmigt wird», verspricht Sajti.
In Wirklichkeit werden den Begierden der neuen Bauherren weder durch Bauordnung noch Denkmalschutz Grenzen gesetzt. Die Gesetze sind schwach, und noch schwächer sind jene, die sie durchsetzen sollen. Vor Sajtis Büro im Denkmalamt hängt eine Karte der Budapester Bezirke sechs (Terézváros – Theresienstadt) und sieben (Erzsebetváros – Elisabethstadt), auf der mit grünen und roten Linien die kulturell wertvollsten Territorien eingezeichnet sind. Das klassizistische Ensemble entlang dem Andrassy-Boulevard wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, das angrenzende jüdische Viertel gilt als Schutzzone. Das konnte die Bulldozer nicht stoppen.

Eigenmächtige Bezirksbürgermeister
Manchmal müssen Investoren Kompromisse machen, manchmal bleibt eine alte Fassade stehen und dahinter wird neu gebaut. Die früheren Mieter müssen trotzdem raus. Arbeiter, Pensionierte und Roma haben hier keinen Platz mehr. Und wer nicht freiwillig geht, muss sich auf einen bitteren Kleinkrieg mit den Investoren gefasst machen. So wurden in der Kiralygasse Nummer 25 Regenrinnen entfernt und Löcher in das Dach gebohrt, damit das Wasser langsam die alten Hausmauern zerstören kann. Das Denkmalamt sieht zu. Es gebe einen Plan, wie das Quartier erhalten und saniert werden könne, sagt die zuständige Beamtin Sajti: «Aber die Bezirksbürgermeister halten sich nicht daran. Und einen ganzen Bezirk können wir nur schwer verteidigen.»
Budapest hat einen relativ schwachen Oberbürgermeister und sehr autonome 23 Bezirke. Weil die meisten Häuser des jüdischen Quartiers noch im Besitz der Stadt sind, können Bezirksbürgermeister von Theresienstadt und Elisabethstadt frei über ihr Schicksal entscheiden. Viel Fantasie ist dafür nicht notwendig: Entweder sie lassen ein Haus zuerst abreissen und verkaufen danach den Grund, oder sie verkaufen zuerst das Haus und erteilen danach bereitwillig die Abbruchgenehmigung. Besonders viel wird im Quartier über den sozialistischen Bürgermeister im Bezirk Theresienstadt, György Hunvald, geredet: über seine guten Beziehungen zu den Immobilienspekulanten, über seinen Hang zum Luxus und seinen Reichtum, der kaum vom bescheidenen Bürgermeistergehalt stammen könne.
In früheren Interviews rechtfertigte Hunvald den freizügigen Verkauf von Grundstücken damit, dass der Bezirk kein Geld für die Sanierung der Häuser habe. Zu einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» war der Bürgermeister nicht bereit.
Der Widerstand gegen die Abrisspolitik ist gering. Die rechte Opposition nutzt sonst jede Gelegenheit, die angebliche sozialistische Misswirtschaft und Korruption anzuprangern. Diesmal bleibt sie still. Auch aus der jüdischen Gemeinde, einer der grössten in Europa, gibt es keine Kommentare zur Zerstörung. Möglicherweise liegt das daran, dass der Vizepräsident der Gemeinde selbst einige Häuser im Quartier besitzt. Auf den Listen von Ovas sind sie als gefährdete Objekte eingetragen.

Haus Nummer 40 steht im Weg
Wie schwer es ist, die Abrissbirnen aufzuhalten, zeigt das Beispiel des Hauses in der Kiralygasse Nummer 40. Es wurde 1840 vom ungarischen Architekten Jozsef Hild erbaut, im Erdgeschoss gab es eine bekannte Bierstube und eine Zeit lang das legendäre Restaurant Gundel. Heute aber steht es im Weg, die Firma Autokér möchte hier und auf den Nachbargrundstücken ein Hotel errichten. Im Januar 2006 liess der Bürgermeister des sechsten Bezirks deshalb überraschend das Nachbarhaus abreissen. Die Arbeiten begannen an einem Sonntagmorgen, nicht einmal die Nachbarn wurden informiert. Orsolya Egri und andere Aktivisten von Ovas zogen daraufhin in die Kiraly utca und demonstrierten gegen den geplanten Abriss des Hauses Nummer 40. Auf Transparenten wurde der Bezirksbürgermeister mit dem nationalsozialistischen Verwalter des Gettos verglichen. Ungarische Medien berichteten ausführlich und mit deutlicher Sympathie für die Denkmalschützer, ausländische Medien wurden erstmals auf das jüdische Quartier aufmerksam.
Die Abbrucharbeiten wurden tatsächlich gestoppt. Doch bevor die Arbeiter abzogen, zerstörten sie noch schnell das Dach. Seither setzen Regen und Wind das Werk der Zerstörung fort, die alten Mauern sind so stark beschädigt, dass ein Erhalt kaum noch möglich scheint. Zwei Häuser weiter macht im Café Siraly das Gerücht die Runde, dass in den kommenden Wochen die letzten Reste von Haus Nummer 40 verschwinden sollen.
Autokér verliere die Geduld, fürchtet Café-Besitzer Adam Schönberger: Ein neues Hotel verspreche Gewinn, «alles andere interessiert sie nicht. Weder das Schicksal der jüdischen Bewohner noch die jüdische Kultur.»

Tages-Anzeiger, 22.2.2007