Boomende Zentren, unwirtliche Ränder
Die Schweizer Stadtzentren erstrahlen in neuem Glanz, während sich die sozialen Problemzonen in die Vorstädte verlagern. Eine problematische Entwicklung.
Michael Hermann, Corinna Heye und Heiri Leuthold
Die grossen Städte der Schweiz haben in den letzten zehn Jahren eine eigentliche Renaissance erlebt: Eine gut ausgebildete und junge Mittelschicht hat Einzug gehalten, gefolgt von schmucken Cafés, trendigen Bars und edlen Galerien. Staatliche und private Investitionen haben den Lebensraum Stadt in neuem Glanzerstrahlen lassen. Die Gründerzeitbauten werden sorgfältig renoviert, und Städte investieren viel Geld in die Aufwertung des öffentlichen Raums. So hat beispielsweise Zürich die verwahrlosten Flussufer von Sihl und Limmat in kurzer Zeit zu attraktiven Flanierzonen umgestaltet. In amerikanischen Medien wurden die Schweizer Städte kürzlich gar als «Ikonen der Wohnlichkeit des postindustriellen Zeitalters» gepriesen.
Die erfreuliche Entwicklung der Innenstädte ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Mit der Renaissance des Städtischen verlagerten sich die sozialen Problemzonen zunehmend an den Stadtrand und über die Stadtgrenze hinaus in die dicht besiedelten Vorstädte. Dieser Teil des Ballungsraums bildet eine neue Art der Peripherie. Eine Peripherie, die in der schweizerischen Regionalpolitik bisher noch kaum Beachtung gefunden hat.
Die Veränderungen im urbanen Siedlungsgefüge manifestieren sich in der räumlich-sozialen Topografie. Mittels einer neuen Studie zu den Volkszählungen von 1990 und 2000 auf Gemeinde- und Stadtquartiersebene (vgl. Kasten) kann die Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung innerhalb der Ballungsräume auch statistisch nachgezeichnet werden.
Das Ende der A-Stadt
Vor nicht allzu langer Zeit sahen die Verhältnisse in den Zentren der Grossstädte alles andere als rosig aus. Die durch Lärm, schlechte Luft und Drogenprobleme geplagten Stadtgebiete galten als unwirtliche Lebensräume, denen der Rücken kehrte, wer dazu in der Lage war. 1990 prägte der Wirtschaftswissenschaftler René L. Frey den Begriff der A-Stadt als ein Gebiet, in dem sich sozial marginalisierte Gruppen konzentrieren. Dazu zählen Alte, Arme, Arbeitslose, Auszubildende, Ausländer und Ausländerinnen. Die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur zeigt, dass sich die meisten A-Stadt-Phänomene heute mehr und mehr aus der Stadt verlagern in die Arbeiterquartiere am Stadtrand und in die Vorstädte mit ihren grauen Wohnsilos, Reihenhaussiedlungen und biederen Nachkriegs-Zeilenbauten. Der Wohnraum ist hier häufig sanierungsbedürftig und aus heutiger Sicht zu eng entworfen und deshalb zunehmend von Menschen bewohnt, die anderswo keine Wohnung finden. Die Zahl der Fürsorgeempfänger und Arbeitslosen ist am Stadtrand und in den Vorstädten in den letzten Jahren besonders stark gestiegen, die soziale Aufwertungsdynamik, welche die Innenstädte in den Neunzigerjahren erfasst hat, blieb dagegen aus.
Verlagerung der Integrationslasten
Eindrücklich ist die Verlagerung der durch Migration bedingten Integrationslasten vom Stadtkern an die Ränder der Stadt und in die Agglomeration. Der Vergleich der Volkszählungen von 1990 und 2000 zeigt, dass der Anteil der Bevölkerung mit sprachlichen Integrationsbarrieren besonders stark in Stadtrandquartieren wie Schwamendingen, Hirzenbach und Altstetten gestiegen ist. Diese Quartiere gehören im schweizerischen Ver-gleich zu den 15 Orten mit dem stärksten Anstieg der Fremdsprachigkeit. Die Zunahme der Fremdsprachigkeit macht jedoch nicht an der Stadtgrenze Halt, sondern zeigt sich in ähnlichem Ausmass in den Gemeinden des Limmattals und der Flughafenregion, am stärksten in Dietikon, Oberengstringen und Opfikon. Insbesondere für die Schulen stellt die gewachsene Zahl der Migranten und Migrantinnen in den Vorstädten eine Mehrbelastung dar.
Weil viele ausländische Arbeiterfamilien dem ursprünglich vor allem von inländischen Stadtflüchtlingen geprägten Trend nach Suburbia gefolgt sind, hat sich auch die Situation in den Innenstädten verändert. In diesen traditionell multikulturellen Gebieten hat in den Neunzigerjahren eine eigentliche «Verschweizerung» eingesetzt. Breit gemacht hat sich hier eine junge Generation Schweizer und Schweizerinnen (begleitet von einigen Deutschen), der das Leben in Suburbia zu eintönig ist.
Am stärksten ist die Fremdsprachigkeit in den Quartieren der Zürcher Innenstadt zurückgegangen. Parallel dazu ist deren sozialer Status gestiegen. Das Boomquartier Escher-Wyss in Zürich-West hat zwischen 1990 und 2000 gar den höchsten Statusanstieg aller Quartiere und Gemeinden der Schweiz zu verzeichnen.
Alternde Villenvororte
Als Folge der Renaissance der Städte ist auch der Prozess der Alterung zum Erliegen gekommen. Die Grossstädte Zürich, Bern und Lausanne können entgegen dem gesellschaftlichen Trend gar eine Verjüngung ihrer Bevölkerung verzeichnen.
Das «A» der Alterung folgt dabei jedoch nicht demselben Muster der Suburbanisierung wie die anderen A-Stadt-Phänomene. Nicht in den Vorstädten, sondern in den noblen Teilen der Agglomeration hat die Alterung in den letzten Jahren besonders stark zugenommen. Stadtnahe Villenvororte wie Zumikon (Zürich), Bottmingen (Basel) oder Bolligen (Bern) gehören zu den Orten, die im schweizerischen Vergleich in den Neunzigerjahren am stärksten gealtert sind. Aus den einst von jungen Familien bewohnten Einfamilienhaussiedlungen sind die erwachsenen Kinder ausgezogen und lassen eine zunehmend ältere Bevölkerung zurück. Mit der Alterung der stadtnahen Villengemeinden ist auch deren soziale Aufwertung gebremst worden, wenn auch auf hohem Niveau.
Trotz Alterung liegen die Probleme nicht in Zumikon, sondern in den einst eher biederen und ausgesprochen schweizerischen Arbeitersiedlungen in den städtischen Randlagen, die sich zu sozialen Brennpunkten entwickelt haben. Im internationalen Vergleich ist die Situation in den Schweizer Vorstädten zwar noch relativ entspannt. Der ausgebaute Service public und die noch immer vorhandenen wirtschaftlichen Perspektiven wirken der sozialen Ausgrenzung entgegen. Trotzdem ist die Politik gut beraten, diesen Räumen und ihren Belastungen in Zukunft mehr Beachtung zu schenken. Setzt einmal die Spirale der sozialen Marginalisierung ein, ist diese nur noch schwer zu stoppen. Der Gewaltausbruch in den Banlieues Frankreichs diesen Monat ist ein deutliches Fanal für eine Entwicklung, die es zu verhindern gilt.
Eine neue Form der Peripherie
Heute hat die Regionalpolitik in der Schweiz noch vorwiegend strukturschwache Gebiete im ländlichen Raum im Auge. Dieser Fokussierung liegt eine einseitige Wahrnehmung regionaler Disparitäten zu Grunde. Als benachteiligt gelten Regionen, die geografisch am Rand liegen und wirtschaftlich schwach sind. Die Ballungsräume werden dagegen generell als strukturstark angesehen.
Durch die Verlagerung der sozialen Problemzonen an den Stadtrand, in die Agglomeration und entlang den Autobahnachsen ins gesamte Mittelland, ist jedoch in den Ballungsräumen eine neue Form der Peripherie entstanden. Hier leben viele einkommensschwache Personen mit einem schmalen Bildungsrucksack. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das als soziale Peripherie bezeichnet werden kann und an die Stelle der A-Stadt tritt.
In den Kernstädten sind reiche und arme Schichten unter einem politischen Dach vereint. Auch wenn die Kernstädte bis heute überdurchschnittliche soziale Lasten zu tragen haben, sind sie doch potent und können die Disparitäten intern ausgleichen, etwa zwischen dem Zürichberg und Schwamendingen. Erst die räumliche und damit auch politische Trennung der sozialen Problemzonen von den urbanen Zentren führt zur Ausbildung einer sozialen Peripherie. So hat Opfikon kein Villenviertel, das die sozialen Lasten tragen hilft.
Die Situation der Vorstädte ist heute in vielem problematischer als jene der Alpen und Voralpen. Zur gemeinsamen Problemlage fehlender finanzstarker Gesellschaftsschichten kommen in der sozialen Peripherie Probleme hinzu, die es in der geografischen nicht gibt.
Während die starken gemeinschaftlichen Bindungen auf dem Land die sozialen Risiken abfedern, fördern die Anonymität und der hohe Individualisierungsgrad der Vorstädte die soziale Desintegration. Auch haben die Randregionen kaum Integrationslasten zu tragen. Zusätzlich verstärkt wird die Asymmetrie durch den «Export» sozialer Probleme aus dem ländlichen Raum. Wer neue Arbeit will, sucht sein Glück im urbanen Raum und bleibt auch dort, wenn er sein Glück nicht findet. Dies gilt ebenso für Menschen in prekären Verhältnissen, die der sozialen Kontrolle der dörflichen Gemeinschaft entfliehen wollen. Zu guter Letzt sind in den urbanen Ballungsräumen potenziell viel mehr Menschen von einer Marginalisierung betroffen als im sich entvölkernden Alpenraum.
Kein Lobbying für die Vorstädte
In den Vorstädten überschneiden sich die Schwierigkeiten von Randregion und Grossstadt. Während die Randregionen durch die Regionalpolitik und die Zentren durch den Lastenausgleich unterstützt werden, fallen die Vorstädte durch die Maschen.
Dies ist nicht zuletzt eine Frage des Lobbyings. Die Randregionen haben auf Grund des schweizerischen Föderalismus traditionell eine starke Stimme in Bundesbern, und auch die Kernstädte konnten sich dank ihrer Grösse und ihrer Rolle als gesellschaftliche und wirtschaftliche Zentren in den letzten Jahren immer mehr Gehör verschaffen. Die Vorstadtgebiete dagegen sind politisch in einzelne Gemeinden zersplittert und stehen als rückseitige Regionen der Agglomeration weder touristisch noch gesellschaftlich im Rampenlicht.
Politisches Gewicht erlangen die Vorstädte nur dann, wenn es ihnen gelingt, das «Dörfli-Denken» zu überwinden und ihre politischen Kräfte zu bündeln. Vereint können die Vorstadtregionen ihre Probleme auf die politische Agenda bringen.
Setzt sich die in den Neunzigerjahren begonnene Verlagerung der sozialen Probleme in den Ballungsräumen fort, wird früher oder später ein Lastenausgleich zu Gunsten der Vorstädte zum Thema. Die noch vor kurzer Zeit gebeutelten Grossstädte könnten sich dabei plötzlich auf der Seite der Nettozahler wiederfinden.
Die Autoren sind Sozialgeografen am Geografischen Institut der Universität Zürich und untersuchen gesellschaftliche und politische Veränderungen in der Schweiz.
NEUE STUDIE ALS PLANUNGSINSTRUMENT
Die gestern veröffentlichte Studie «Soziokulturelle Unterschiede in der Schweiz: Vier Indizes zu räumlichen Disparitäten, 1990-2000» ist das Resultat einer Forschungszusammenarbeit vom Geografischen Institut der Universität Zürich und dem Bundesamt für Statistik.
Mit einem neu geschaffenen Indikatorensystem wurde ein Planungsinstrument für Politik und Wirtschaft entwickelt, das es erlaubt, regionale Unterschiede der Bevölkerungsstruktur auf klein- und auf grossräumiger Ebene zu erfassen. Die vier Indizes messen den sozialen Status, die Individualisierung der Lebensformen, den Anteil der Personen mit sprachlichen Integrationsbarrieren (Fremdsprachigkeit) sowie die Alterung der Gesellschaft.
Gesamtschweizerisch ist der soziale Status zwischen 1990 und 2000 um 6.4 Indexpunkte angestiegen, am stärksten in den Kernstädten (+7.0) und am geringsten in den Agglomerationsgürteln (+5.8). Im Vergleich der grossen Agglomerationen haben nach wie vor die beiden Finanzzentren Zürich (56.3) und Genf (55.9) die Nase vorne.
Veränderte Familienstrukturen
Der Individualisierungsindex ist gesamtschweizerisch (+7.9) angestiegen. Darin spiegelt sich die Modernisierung der Lebensformen und Familienstrukturen der vergangenen 15 Jahre. Früher vor allem in den Kernstädten verbreitete Phänomene wie Einpersonenhaushalte und die Erwerbstätigkeit von Müttern fassen zunehmend in der ganzen Schweiz Fuss.
Der Individualisierungsindex der Deutschschweiz (+8.6) hat sich jenem der französischen Schweiz (+5.6) angeglichen. Aufgeholt hat die Deutschschweiz vor allem bei der Erwerbstätigkeit von Müttern.
Michael Hermann, Corinna Heye und Heiri Leuthold: Soziokulturelle Unterschiede in der Schweiz: Vier Indizes zu räumlichen Disparitäten, 1990-2000. Herausgegeben vom Bundesamt für Statistik, Neuenburg, 2005.
Die Studie, Tabellen und eine interaktive Visualisierung finden:
www.bfs.admin.ch
www.sotomo.geo.unizh.ch
Tages-Anzeiger, 23.11.2005
