«Weststrasse hat enorm Potenzial»

Wenn 2008 der Üetlibergtunnel aufgeht, wird die Weststrasse zur Quartierstrasse abklassiert. Die Grundbesitzer schmieden schon jetzt Pläne für den Umbau oder die Renovation ihrer Häuser.

Adi Kälin
Die Weststrasse gehört zu den unattraktivsten Wohnorten in Zürich. Pro Stunde rauschen 100 Personenwagen durch, dazu etwa 100 Lastwagen. Der Lärmalarmwert wird permanent überschritten.
Hinzu kommen Verslumungstendenzen, Abfall auf der Strasse, Dreck, der in alle Ritzen der Wohnungen dringt, und Häuser, bei denen oft nicht mal mehr die dringendsten Sanierungsarbeiten gemacht werden. Immer mehr ist die Weststrasse Durchgangsstation für Ausländer, die neu nach Zürich kommen. Aber auch sie ziehen um, sobald sie können.

Alles wird gut
Doch bald soll alles anders werden: Wenn die Westumfahrung mit dem Üetlibergtunnel eröffnet wird, sollen in Zürich flankierende Massnahmen dafür sorgen, dass die Quartiere auch tatsächlich vom Verkehr entlastet werden. Kernstück dieser Massnahmen ist die Abklassierung von Sihlfeld- und Weststrasse sowie die Einführung eines Gegenverkehr-Regimes in der Seebahnstrasse. Ende September hat der Regierungsrat diese Pläne noch einmal bestätigt.
Wenn der Üetlibergtunnel im Herbst 2008 eröffnet werde, müsse gleichzeitig mit dem Rückbau der städtischen Strassen begonnen werden. Die Baustellen würden dafür sorgen, dass die Kapazität sofort reduziert sei, heisst es in der Antwort auf eine Anfrage von Kantonsrat Christoph Holenstein (CVP, Zürich).
Was heisst das für die Weststrasse? «Stadtentwicklung Zürich» wollte es genau wissen, hat deshalb eine Studie erstellt und dafür unter anderem die Hausbesitzer entlang der Strasse befragt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Bereits für 17 Liegenschaften gibt es konkrete Renovationspläne – zeitlich zum Teil abhängig von der Abklassierung.
Weitere 10 Häuser würden saniert, wenn es tatsächlich zu einer deutlichen Beruhigung der Strasse käme. Das Interesse an der Umfrage war erfreulich. 47 Hausbesitzer machten mit – über 50 Prozent der Angefragten.

Allreal baut Eigentumswohnungen
Schaut man sich die geplanten Renovationen im Detail an, zeichnet sich ein verdichtetes Wohnen in qualitativ besseren Wohnungen ab. Es geht unter anderem um Aufstockungen, Dachstockausbauten, Erneuerung der sanitären Anlagen und der Küchen. Erstaunlicherweise sind aber Wohnungszusammenlegungen noch kaum ein Thema, obwohl heute die meisten Wohnungen nur drei Zimmer haben und sich die Hausbesitzer mehr Mittelstandsfamilien wünschen.
In zwei Punkten sind sich die Hausbesitzer einig: zum einen, dass die Weststrasse «ein unheimliches Potenzial» habe, zum andern, dass es nach der Abklassierung zu einem Dominoeffekt komme: «Wenn die ersten mit Sanieren beginnen, ziehen die andern automatisch nach», schrieb ein Hausbesitzer.
Wo früher die Häuser mit den Nummern 101 bis 107 standen, gehts schon los – könnte man meinen. Allreal baut dort für Wasan Immobilien 25 Eigentumswohnungen gehobenen Standards, dazu Gewerbe- und Ladenflächen. Allreal-Sprecher Matthias Meier relativiert aber. Die Investoren spekulierten keinesfalls mit der Abklassierung, die Überbauung wäre auf jeden Fall gestartet worden.
Man müsse zudem beim Bau auf die heutige Situation reagieren – mit lärmgeschütztem Innenhof oder kontrollierter Wohnraumlüftung. Als potenzielle Käufer hat man Mitglieder der bereits an der Weststrasse ansässigen jüdischen Gemeinde im Auge und hat auch den Bau entsprechend optimiert (zum Beispiel mit zusätzlichen Küchengeräten).

Jüdische Gemeinde wird bleiben
Die jüdische Gemeinde wird bleiben, andere Bewohner dürften mit den höheren Mieten verdrängt werden: Neben den vielen Ausländern leben an der Weststrasse prozentual mehr Arme und deutlich mehr Junge unter 29 Jahren (53 Prozent bei einem städtischen Schnitt von 33).
Tummeln sich eigentlich an der Weststrasse auch die Spekulanten, die jetzt billig Häuser kaufen, um nach der Abklassierung teurer zu verkaufen? Matthias Meier winkt ab. Eine solche Spekulation wäre heikel, findet er. Es gebe ja noch einige Fragezeichen zur Abklassierung. Und dass solche Projekte meist deutlich länger dauerten als geplant, wisse man ja. Andere Stimmen machen darauf aufmerksam, dass es für Spekulationen längst zu spät sei: Spätestens seit Ende 2001, als die flankierenden Massnahmen bekannt gegeben worden seien, wolle sicher niemand mehr sein Haus verkaufen – oder dann nur relativ teuer.

Tages-Anzeiger, 5.10.2005